Eine Weihnachtsgeschichte

Charles Dickens

  1. Marley’s Geist
  2. Der erste der drei Geister
  3. Der zweite der drei Geister
  4. Der letzte Geist
  5. Das Ende

Kapitel eins

Marley’s Geist

Marley war tot, damit wollen wir beginnen. Die Wahrhaftigkeit dieser Aussage steht außer Zweifel. Der Schein über seine Bestattung wurde vom Priester, dem Gerichtsschreiber, dem Leichenbestatter und dem Hauptleidtragenden unterschrieben. Scrooge unterschrieb ihn und Scrooge’s Name wurde an der Börse respektiert, wo auch immer er ihn hinschrieb. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel.

Versteht mich nicht falsch! Ich will nicht etwa sagen, dass ein Türnagel etwas besonders Totes für mich hätte. Ich selbst möchte fast zu der Meinung geneigt sein, ein Sargnagel sei das toteste Stück Eisen auf der Welt. Aber die Weisheit unsrer Vorfahren liegt in diesem Gleichnisse und meine unheiligen Hände sollen sie dort nicht stören, sonst wäre es um das Vaterland geschehen. Man wird mir daher erlauben, mit besonderem Nachdruck zu wiederholen, dass Marley so tot wie ein Türnagel war.

Wußte Scrooge, dass er tot war? Natürlich wußte er’s. Wie konnte es auch anders sein? Scrooge und er waren, ich weiß nicht seit wie vielen Jahren, Partner. Scrooge war sein einziger Testamentsvollstrecker, sein einziger Nachlassverwalter, sein einziger Erbe, sein einziger Freund und sein einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge war von dem traurigen Ereignis nicht so entsetzlich gerührt, dass er selbst am Begräbnistage nicht ein vortrefflicher Geschäftsmann gewesen wäre und ihn mit einem unzweifelhaft guten Handel gefeiert hätte.

Die Erwähnung von Marley’s Begräbnistag bringt mich zum Ausgangspunkt meiner Erzählung zurück. Es besteht kein Zweifel daran, dass Marley tot war. Dies muss deutlich verstanden werden, sonst kann in der Geschichte, die ich eben erzählen will, nichts Wunderbares geschehen. Wenn wir nicht vollkommen fest davon überzeugt wären, dass Hamlet’s Vater tot ist, ehe das Stück beginnt, würde durchaus nichts Merkwürdiges in seinem nächtlichen Spaziergang bei scharfem Ostwind auf den Mauern seines eigenen Schlosses sein. Nicht mehr, als bei jedem andern Herrn in mittleren Jahren, der sich nach Sonnenuntergang rasch zu einem Spaziergang auf einem luftigen Platze, zum Beispiel auf dem Kirchhof der Saint Paul’s Kathedrale, entschließt, bloß um den schwachen Geist seines Sohnes in Erstaunen zu setzen.

Scrooge ließ Marley’s Namen nie ausstreichen. Noch nach Jahren stand über der Tür des Warenlagers »Scrooge und Marley«. Die Firma war unter dem Namen »Scrooge und Marley« bekannt. Zuweilen nannten Leute, die ihn noch nicht kannten, Scrooge Scrooge und zuweilen Marley; aber er hörte auf beide Namen, denn es war ihm ganz gleich.

O, er war ein wahrer Blutsauger, der Scrooge! Ein gieriger, zusammenscharrender, festhaltender, geiziger alter Sünder; hart und scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken geschlagen hat; verschlossen und selbstbezogen und für sich, wie eine Auster. Die Kälte in seinem Herzen lies seine alten Züge erstarren, seine spitze Nase erfrieren, seine Wangen runzeln, seinen Gang versteifen, machte seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, und klang aus seiner krächzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf seinen Augenbrauen, auf den starken kurzen Haaren seines Bartes. Er schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum; in den Hundstagen kühlte er sein Büro wie mit Eis; zur Weihnachtszeit wärmte er es nicht um ein Grad.

Äußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wärme konnte ihn wärmen, keine Kälte ihn frösteln machen. Kein Wind war schneidender als er, kein fallender Schnee mehr auf seinen Zweck bedacht, kein schlagender Regen einer Bitte weniger zugänglich. Schlechtes Wetter konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten sich nur in einer Art rühmen, besser zu sein als er: Sie gaben oft im Überfluss, und das tat Scrooge nie.

Niemals trat ihm jemand auf der Straße entgegen, um mit freundlichem Gesicht zu ihm zu sagen, »Mein lieber Scrooge, wie geht’s, wann werden Sie mich einmal besuchen?« Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit an, kein Kind fragte ihn, welche Zeit es sei, kein Mann und kein Weib hat ihn je in seinem Leben um den Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden schien ihn zu kennen, und wenn er ihn kommen sah, zupfte er seinen Herrn, dass er in ein Haus trete und wedelte dann mit dem Schwanze, als wollte er sagen: kein Auge ist besser, als ein böses Auge, mein Herr. Doch was kümmerte das Scrooge? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg durch die gedrängten Pfade des Lebens zu gehen, jedem menschlichen Gefühl zu sagen: bleib mir fern, das war das, was Scrooge gefiel.

Einmal, es war von allen guten Tagen im Jahre der beste, der Christabend, saß der alte Scrooge in seinem Büro. Es war draußen schneidend kalt und neblig und er konnte hören, wie die Leute im Hofe draußen prustend auf und nieder gingen, die Hände zusammenschlugen und mit den Füßen stampften, um sich zu erwärmen. Es hatte eben erst Drei geschlagen, war aber schon ganz finster. Den ganzen Tag über war es nicht hell geworden und aus den Fenstern der benachbarten Büros erblickte man Lichter, wie rote Flecken auf der dicken, braunen Luft. Der Nebel drang durch jede Spalte und durch jedes Schlüsselloch und war draußen so dick, dass die gegenüber stehenden Häuser des sehr kleinen Hofes wie ihre eignen Geister aussahen. Wenn man die trübe, dicke Wolke, alles verfinsternd, heruntersinken sah, hätte man meinen können, die Natur wohne dicht nebenan und braue etwas großes zusammen.

Die Tür von Scrooge’s Büro stand offen, damit er seinen Angestellten beaufsichtigen konnte, welcher in einem unheimlich feuchten, kleinen Raume, einer Art Burgverließ, Briefe kopierte. Scrooge hatte nur ein sehr kleines Feuer, aber des Dieners Feuer war um so viel kleiner, dass es wie eine einzige Kohle aussah. Er konnte aber nicht nachlegen, denn Scrooge hatte den Kohlenkasten in seinem Zimmer und jedesmal, wenn der Diener, mit der Kohlenschaufel in der Hand, hereinkam, meinte der Herr, es würde wohl nötig sein, dass sie sich trennten, worauf der Diener seinen weißen Schal umband und versuchte, sich an dem Lichte zu wärmen, was, da er ein Mann von nicht zu starker Einbildungskraft war, immer fehlschlug.

»Fröhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie!« rief eine heitere Stimme. Es war die Stimme von Scrooge’s Neffen, der ihm so schnell auf den Hals kam, dass dieser Gruß die erste Ankündigung seiner Annäherung war. »Bah,« sagte Scrooge, »Humbug!« Dem Neffen war vom schnellen Laufen so warm geworden, dass er über und über glühte; sein Gesicht war rot und hübsch, seine Augen glänzten und sein Atem rauchte. »Weihnachten Humbug, Onkel?« sagte Scrooge’s Neffe, »das kann nicht Ihr Ernst sein.« »Es ist mein Ernst,« sagte Scrooge. »Fröhliche Weihnachten? Was für ein Recht hast du, fröhlich zu sein? Was für einen Grund, fröhlich zu sein? Du bist arm genug.« »Nun,« antwortete der Neffe heiter, »was für ein Recht haben Sie, grämlich zu sein? Was für einen Grund, mürrisch zu sein? Sie sind reich genug.« Scrooge, der im Augenblick keine bessere Antwort bereit hatte, sagte noch einmal »Bah!« und brummte ein »Humbug!« hinterher. »Seien Sie nicht bös, Onkel,« sagte der Neffe. »Was soll ich anders sein,« antwortete der Onkel, »wenn ich in einer Welt voll solcher Narren lebe? Fröhliche Weihnachten! Der Henker hole die fröhlichen Weihnachten! Was ist Weihnachten für dich anderes, als ein Tag, wo du Rechnungen bezahlen sollst, ohne Geld zu haben, ein Tag, wo du dich um ein Jahr älter und nicht um eine Stunde reicher findest, ein Tag, wo du deine Bücher abschließt und in jedem Posten durch ein volles Dutzend von Monaten ein Defizit siehst? Wenn es nach mir ginge,« sagte Scrooge heftig, »so müsste jeder Narr, der mit seinem fröhlichen Weihnachten herumläuft, in seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem Pfahl von Stecheiche im Herzen begraben werden.« »Onkel!« sagte der Neffe. »Neffe!« antwortete der Onkel heftig, »feiere du Weihnachten nach deiner Art und lass es mich nach meiner feiern.« »Feiern!« wiederholte Scrooge’s Neffe; »aber Sie feiern es nicht.« »Lass mich ungeschoren,« sagte Scrooge. »Mag es dir Nutzen bringen! Viel genützt hat es dir schon.«

»Es gibt viele Dinge, die mir hätten nützen können und die ich nicht genutzt habe, das weiß ich,« antwortete der Neffe, »und Weihnachten ist eins davon. Aber ich weiß gewiss, dass ich Weihnachten, wenn es gekommen ist, abgesehen von der Verehrung, die wir seinem heiligen Namen und Ursprung schuldig sind, immer als eine gute Zeit betrachtet habe, als eine freundliche Zeit, als die Zeit der Vergebung und Barmherzigkeit, als die einzige Zeit, die ich in dem ganzen langen Jahreskalender kenne, wo die Menschen einträchtig ihre verschlossenen Herzen auftun und die andern Menschen betrachten, als wenn sie wirklich Reisegefährten nach dem Grabe wären und nicht eine ganz andere Art von Geschöpfen, die einen ganz andern Weg gehen. Und daher, Onkel, ob es mir gleich niemals ein Stück Gold oder Silber in die Tasche gebracht hat, glaube ich doch, es hat mir Gutes getan und es wird mir Gutes tun, und ich sage: Gott segne es!«

Der Diener im Burgverließ draußen applaudierte unwillkürlich; aber den Augenblick darauf fühlte er auch die Unschicklichkeit seines Betragens, schürte die Kohlen und verlöschte den letzten kleinen Funken auf immer. »Wenn Sie mich noch einen einzigen Laut hören lassen,« sagte Scrooge, »so feiern Sie Ihre Weihnachten mit dem Verlust Ihrer Stelle. Du bist ein ganz gewaltiger Redner,« fügte er hinzu, sich zu seinem Neffen wendend. »Es wundert mich, dass du nicht ins Parlament kommst.« »Seien Sie nicht bös, Onkel. Essen Sie morgen mit uns.« Scrooge sagte, dass er ihn erst verdammt sehen wollte, ja wahrhaftig, er sprach sich ganz deutlich aus. »Aber warum?« rief Scrooge’s Neffe, »warum?« »Warum hast du dich verheiratet?« sagte Scrooge. »Weil ich mich verliebte.« »Weil er sich verliebte!« brummte Scrooge, als ob das das einzige Ding in der Welt wäre, noch lächerlicher als eine fröhliche Weihnacht. »Guten Nachmittag!« »Aber, Onkel, Sie haben mich ja auch vorher nie besucht. Warum sollte es also ein Grund sein, mich jetzt nicht zu besuchen?« »Guten Nachmittag!« sagte Scrooge. »Ich brauche nichts von Ihnen, ich verlange nichts von Ihnen, warum können wir nicht gute Freunde sein?« »Guten Nachmittag!« sagte Scrooge. »Ich bedaure wirklich von Herzen, Sie so hartnäckig zu finden. Wir haben nie einen Zank miteinander gehabt, an dem ich schuld gewesen wäre. Aber ich habe den Versuch gemacht, Weihnachten zu Ehren und ich will meine Weihnachtsstimmung bis zuletzt behalten. Fröhliche Weihnachten, Onkel!« »Guten Nachmittag!« sagte Scrooge. »Und ein glückliches Neujahr!« »Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

Ungeachtet dessen verließ der Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort. An der Haustür blieb er noch stehen, um mit dem Glückwunsche des Tages den Diener zu begrüßen, der bei aller Kälte doch noch wärmer als Scrooge war, denn er gab den Gruß freundlich zurück. »Das ist auch so ein Kerl,« brummte Scrooge, der es hörte. »Mein Diener, mit fünfzehn Schilling die Woche und Frau und Kindern, spricht von fröhlichen Weihnachten. Ich gehe nach Bedlam.«

Der Diener hatte, indem er den Neffen hinausließ, zwei andere Personen eingelassen. Es waren zwei behäbige, wohlansehnliche Herren, die jetzt, den Hut in der Hand, in Scrooge’s Büro standen. Sie hatten Bücher und Papiere in der Hand und verbeugten sich. »Scrooge und Marley, glaube ich,« sagte einer der Herren, indem er auf seine Liste sah. »Hab ich die Ehre, mit Mr. Scrooge oder mit Mr. Marley zu sprechen?« »Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot,« antwortete Scrooge. »Er starb heute vor sieben Jahren.« »Wir zweifeln nicht, dass sein überlebender Kompagnon ganz seine Freigebigkeit besitzen wird,« sagte der Herr, indem er sein Beglaubigungsschreiben hinreichte. Er hatte auch ganz recht, denn es waren zwei verwandte Seelen gewesen. Bei dem ominösen Wort Freigebigkeit runzelte Scrooge die Stirn, schüttelte den Kopf und gab das Papier zurück. »An diesem festlichen Tage des Jahres, Mr. Scrooge,« sagte der Herr, eine Feder ergreifend, »ist es mehr als gewöhnlich wünschenswert, einigermaßen wenigstens für die Armen und Hilfsbedürftigen zu sorgen, die zu dieser Zeit in großer Not sind. Vielen Tausenden fehlen selbst die notwendigsten Bedürfnisse, Hunderttausenden die notdürftigsten Bequemlichkeiten des Lebens.« »Gibt es keine Gefängnisse?« fragte Scrooge. »Überfluss von Gefängnissen,« sagte der Herr, die Feder wieder hinlegend. »Und die Union-Armenhäuser?« fragte Scrooge. »Bestehen sie noch?« »Allerdings. Aber dennoch,« antwortete der Herr, »wünschte ich, sie müssten weniger in Anspruch genommen werden.« »Tretmühle und Armengesetz sind in voller Kraft,« sagte Scrooge. »Beide haben alle Hände voll zu tun.« »So? Nach dem, was Sie zuerst sagten, fürchtete ich, es halte sie etwas in ihrem nützlichen Laufe auf,« sagte Scrooge. »Ich freue mich, das zu hören.« »In der Überzeugung, dass sie doch wohl kaum fähig sind, der Seele oder dem Leib der Armen christliche Stärkung zu geben,« antwortete der Herr, »sind einige von uns zur Veranstaltung einer Sammlung zusammengetreten, um für die Armen Nahrungsmittel und Feuerung anzuschaffen. Wir wählen diese Zeit, weil sie vor allen andern eine Zeit ist, wo der Mangel am bittersten gefühlt wird und der Reiche sich freut. Welche Summe soll ich für Sie aufschreiben?« »Nichts,« antwortete Scrooge. »Sie wünschen ungenannt zu bleiben?« »Ich wünsche, dass man mich zufrieden lasse,« sagte Scrooge. »Da Sie mich fragen, was ich wünsche, meine Herren, so ist das meine Antwort. Ich freue mich selbst nicht zu Weihnachten und habe nicht die Mittel, mit meinem Gelde Faulenzern Freude zu machen. Ich trage meinen Teil zu den Anstalten bei, die ich genannt habe; sie kosten genug, und wem es schlecht geht, der mag dorthin gehen!« »Viele können nicht hingehen und viele würden lieber sterben.« »Wenn sie lieber sterben würden,« sagte Scrooge, »so wäre es gut, wenn sie es täten, und die überflüssige Bevölkerung verminderten. Übrigens, Sie werden mich entschuldigen, weiß ich nichts davon.« »Aber Sie könnten es wissen,« bemerkte der Herr. »Es geht mich nichts an,« antwortete Scrooge. »Es genügt, wenn ein Mann sein eigenes Geschäft versteht und sich nicht in das anderer Leute mischt. Das meinige nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Guten Nachmittag, meine Herren!« Da sie deutlich sahen, wie vergeblich weitere Versuche sein würden, zogen sich die Herren zurück. Scrooge setzte sich wieder mit einer erhöhten Meinung von sich selbst und in einer besseren Laune, als gewöhnlich, an die Arbeit.

Unterdessen hatten Nebel und Finsternis so zugenommen, dass Leute mit brennenden Fackeln herumliefen, um den Pferdekutschen vorzuleuchten. Der Kirchturm, dessen brummende alte Glocke immer aus einem alten gotischen Fenster in der Mauer schlau auf Scrooge herabsah, wurde unsichtbar und schlug die Stunden und Viertel in den Wolken mit einem zitternden Nachklang, als wenn in dem erfrorenen Knopf droben die Zähne klapperten. Die Kälte wurde immer schneidender. In der Hauptstraße an der Ecke der Sackgasse wurden die Gasröhren ausgebessert und die Arbeiter hatten ein großes Feuer in einer Kohlenpfanne angezündet, um welche sich einige zerlumpte Männer und Knaben drängten, sich die Hände wärmend und mit den Augen blinzelnd vor der behaglichen Flamme. Die Wasserröhre, sich selbst überlassen, strömte ungehindert ihr Wasser aus; aber bald war es zu Eis erstarrt. Der Schimmer der Läden, in denen Stecheichenzweige und Beeren in der Lampenwärme der Fenster knisterten, rötete die bleichen Gesichter der Vorübergehenden. Die Gewölbe der Geflügel- und Materialwarenhändler sahen aus wie ein glänzendes, fröhliches Märchen, mit dem es fast unmöglich schien, den Gedanken von einer so ernsten Sache, wie Kauf und Verkauf, zu verbinden. Der Lord Mayor gab in den innern Gemächern des Mansion-House seinen fünfzig Köchen und Kellermeistern Befehl, Weihnachten zu feiern, wie es eines Lord Mayors würdig ist, und selbst der kleine Schneider, den er am Montag zuvor wegen Trunkenheit und öffentlich ausgesprochenen Blutdurstes um fünf Schilling gestraft hatte, rührte den morgenden Pudding in seinem Dachkämmerchen um, während sein abgemagertes Weib mit dem Säugling auf dem Arm ausging, um den Rinderbraten zu kaufen.

Immer nebliger und kälter wurde es, durchdringend, schneidend kalt. Wenn der gute, heilige Dunstan des Gottseibeiuns Nase nur mit einem Hauch von diesem Wetter gefasst hätte, anstatt seine gewöhnlichen Waffen zu brauchen, dann würde er erst recht gebrüllt haben. Der Inhaber einer kleinen, jungen Nase, benagt und angebissen von der hungrigen Kälte, wie Knochen von Hunden benagt werden, legte sich an Scrooge’s Schlüsselloch, um ihn mit einem Weihnachtslied zu erfreuen. Aber bei dem ersten Tone des Liedes ergriff Scrooge das Lineal mit einer solchen Energie, dass der Sänger voll Schrecken entfloh und das Schlüsselloch dem Nebel und der noch verwandteren Kälte überließ. Endlich kam die Feierabendstunde. Unwillig stieg Scrooge von seinem Sessel und gab dem harrenden Diener in dem Verließ stillschweigend die Einwilligung, worauf dieser sogleich das Licht auslöschte und den Hut aufsetzte.

»Sie wollen den ganzen Tag morgen haben, vermute ich,« sagte Scrooge. »Wenn es Ihnen passt, Sir.« »Es passt mir nicht,« sagte Scrooge, »und es gehört sich nicht. Wenn ich Ihnen eine halbe Krone dafür abzöge, würden Sie denken, es geschähe Ihnen unrecht, nicht?« Der Diener antwortete mit einem gezwungenen Lächeln. »Und doch,« sagte Scrooge, »denken Sie nicht daran, dass mir unrecht geschieht, wenn ich einen Tag Lohn für einen Tag Faulenzen bezahle.« Der Diener bemerkte, dass es nur einmal im Jahre geschähe. »Eine armselige Entschuldigung, um an jedem fünfundzwanzigsten Dezember eines Mannes Tasche zu bestehlen,« sagte Scrooge, indem er seinen Überrock bis an das Kinn zuknöpfte. »Aber ich vermute, Sie wollen den ganzen Tag frei haben. Sie werden den ganzen Vormittag hier sein.« Der Diener versprach, dass er kommen wolle und Scrooge ging mit einem Brummen fort. Das Büro war im Nu geschlossen und der Diener, die langen Enden seines weißen Schals über die Brust herabhängend (denn er konnte sich keines Überrocks rühmen), fuhr zu Ehren des Festes als der Letzte einer Reihe von Knaben zwanzigmal eine vereiste Straße in Cornhill hinunter und lief dann so schnell als möglich in seine Wohnung in Camden-Town, um dort Blindekuh zu spielen.

Scrooge nahm sein einsames, trübseliges Mahl in seinem gewöhnlichen einsamen, trübseligen Gasthause ein; und nachdem er alle Zeitungen gelesen und sich den Rest des Abends mit seinem Bankjournal vertrieben hatte, ging er nach Haus schlafen. Er wohnte in den Zimmern, welche seinem verstorbenen Kompagnon gehört hatten. Es war eine düstere Reihe von Zimmern in einem niedrigen, finstern Gebäude in einem Hofe, wo es so wenig an seinem Platze stand, dass man fast hätte glauben mögen, es habe sich dorthin verlaufen, als es noch ein junges Haus war und mit andern Häusern Versteckens spielte, und sich nicht wieder herausfinden können. Es war jetzt alt und öde genug, denn niemand wohnte dort, außer Scrooge, da die andern Räume alle als Geschäftslokale vermietet waren. Der Hof war so dunkel, dass selbst Scrooge, der jeden Stein desselben kannte, seinen Weg mit den Händen fühlen musste. Der Nebel und der Frost hing so dick und schwer um den schwarzen alten Torweg des Hauses, als ob der Genius des Wetters in trauerndem Nachsinnen auf der Schwelle säße.

Tatsache ist, dass an dem Klopfer der Haustür ganz und gar nichts Besonderes war, als seine Größe. Auch ist es ausgemacht, dass Scrooge ihn jeden Abend und jeden Morgen, seitdem er das Haus bewohnte, gesehen hatte, und dass Scrooge so wenig Phantasie besaß als irgend jemand in der Stadt von London, einschließlich – wenn es erlaubt ist, das zu sagen – des Stadtrats, den Aldermen und der Zünfte. Man vergesse auch nicht, dass Scrooge, außer heute Nachmittag, mit keinem Wörtchen an seinen seit sieben Jahren verstorbenen Kompagnon gedacht hatte. Und nun soll mir jemand erklären, warum Scrooge, als er seinen Schlüssel in das Türschloss steckte, in dem Klopfer, ohne dass er sich verändert hätte, keinen Türklopfer, sondern Marley’s Gesicht sah.

Ja, Marley’s Gesicht. Es war nicht von so undurchdringlichem Dunkel umgeben, wie die andern Gegenstände im Hofe, sondern von einem unheimlichen Lichte, wie ein verdorbener Hummer in einem dunklen Keller. Er blickte ihm nicht wild oder zürnend entgegen, sondern sah Scrooge an, wie ihn Marley gewöhnlich ansah: mit der gespenstischen Brille auf die gespenstische Stirn hinauf geschoben. Das Haar stand seltsam in die Höhe, wie von Wind oder heißer Luft gehoben; und obgleich die Augen weit offen standen, waren sie doch ohne alle Bewegung. Das und die leichenhafte Farbe machten das Gesicht schrecklich; aber seine Schrecklichkeit schien eher, obwohl sie in seinem Gesicht saß, außerhalb seiner Kontrolle zu liegen, als ein Teil seines Ausdrucks zu sein. Als Scrooge fest auf die Erscheinung blickte, war es wieder ein Türklopfer.

Zu sagen, er wäre nicht erschrocken, oder sein Blut hätte nicht ein grausendes Gefühl empfunden, das ihm seit seiner Kindheit unbekannt geblieben war, wäre eine Unwahrheit. Aber er fasste sich gewaltsam, legte die Hand wieder auf den Schlüssel, drehte ihn um, trat in das Haus, und zündete sein Licht an. Er zögerte einen Augenblick, ehe er die Tür schloss, und er schaute erst vorsichtig dahinter, als fürchte er wirklich, mit dem Anblick von Marley’s Zopf erschreckt zu werden. Aber hinter der Tür war nichts weiter, als die Schrauben, welche den Klopfer fest hielten; und so sagte er: »Pooh, Pooh!« und warf sie zu. Der Schall klang durch das Haus wie ein Donner. Jedes Zimmer oben, und jedes Fass in des Weinhändler’s Keller unten schien mit seinem besonderen Echo zu antworten. Scrooge war nicht der Mann, der sich durch Echos erschrecken ließ. Er schloss die Tür zu, ging den Hausflur entlang und die Treppe hinauf, langsam, und das Licht heller machend, während er hinaufging. Man mag leichtfertig darüber reden, ein Vierergespann eine gute alte Treppe hinaufzufahren, oder durch ein mieses, jüngst vom Parlament verabschiedetes Gesetz. Aber was ich damit sagen will ist, man könnte einen Leichenkarren den Treppenaufgang hinaufbefördern, der Breite nach, mit der Deichsel Richtung Wand und der Tür Richtung Geländer — mit Leichtigkeit. Es gab mehr als genügend Raum dafür, was womöglich der Grund dafür war, dass Scrooge dachte, er sähe einen Leichenwagen vor sich in der Dunkelheit herfahren. Ein halbes Dutzend Gaslampen von der Straße aus, hatten den Eingang nicht allzu sehr erhellt, und so kann man sich denken, dass es trotz Scrooge’s kleinem Lichte ziemlich dunkel war.

Scrooge aber ging hinauf und kümmerte sich keinen Pfifferling darum. Dunkelheit ist billig, und das hatte Scrooge gern. Aber ehe er seine schwere Tür zumachte, ging er durch die Zimmer, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Er erinnerte sich des Gesichtes noch gerade genug um das zu wünschen. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Abstellkammer, alles war, wie es sein sollte. Niemand unter dem Tische, niemand unter dem Sofa; ein kleines Feuer auf dem Rost, Löffel und Teller bereit und das kleine Töpfchen Suppe (Scrooge hatte den Schnupfen) an dem Feuer. Niemand unter dem Bett, niemand in dem Schrank, niemand in seinem Schlafrock, der auf eine ganz verdächtige Weise an der Wand hing. Die Abstellkammer wie gewöhnlich. Ein alter Kaminschirm, alte Schuhe, zwei Fischkörbe, ein dreibeiniger Waschtisch und ein Schüreisen. Vollkommen zufriedengestellt machte er die Tür zu und schloss sich ein und riegelte noch zu, was sonst seine Gewohnheit nicht war. So gegen Überraschung sichergestellt, legte er seine Halsbinde ab, zog seinen Schlafrock und die Pantoffeln an, setzte die Nachtmütze auf und setzte sich so vor das Feuer, um seine Suppe zu essen.

Es war wirklich ein sehr kleines Feuer, so gut wie gar keins in einer so kalten Nacht. Er musste sich dicht daran setzen und sich darüber beugen, um das geringste Wärmegefühl von einer solchen Handvoll Kohlen zu genießen. Der Kamin war vor langen Jahren von einem holländischen Kaufmann gebaut worden und ringsum mit seltsamen holländischen Fliesen mit biblischen Bildern belegt. Da sah man Kain und Abel, Pharaos Töchter, Königinnen von Saba, Engel durch die Luft auf Wolken gleich Federbetten herabschwebend, Abraham, Balthazar, Apostel in See gehend auf Butterschiffen, Hunderte von Figuren, seine Gedanken zu beschäftigen; und doch kam das Gesicht Marley’s wie der Stab des alten Propheten, und verschlang alles andere. Wenn jedes glänzende Flies weiß gewesen wäre und die Macht gehabt hätte, aus den vereinzelten Fragmenten seiner Gedanken ein Bild auf seine Fläche zu zaubern, auf jedem wäre ein Abbild von des alten Marley’s Gesicht erschienen. »Humbug!« sagte Scrooge und schritt durch das Zimmer. Nachdem er einige Male auf und ab gegangen war, setzte er sich wieder nieder. Wie er den Kopf in den Stuhl zurücklegte, fiel sein Auge wie von ungefähr auf eine Klingel, eine alte, nicht mehr gebrauchte Klingel, welche zu einem jetzt vergessenen Zweck mit einem Zimmer in dem obersten Stockwerk des Hauses in Verbindung stand. Zu seinem großen Erstaunen und mit einem seltsamen unerklärlichen Schauer sah er, wie die Klingel anfing sich zu bewegen; erst bewegte sie sich so wenig, dass sie kaum einen Ton von sich gab; aber bald schellte sie laut und mit ihr jede Klingel des Hauses. Das mochte eine halbe Minute oder eine Minute gedauert haben, aber es schien eine Stunde zu sein. Die Klingeln hörten gleichzeitig auf, wie sie gleichzeitig angefangen hatten. Dann vernahm man ein Klirren, tief unten, als ob jemand eine schwere Kette über die Fässer in des Weinhändlers Keller schleppe. Jetzt erinnerte sich Scrooge gehört zu haben, dass Gespenster Ketten schleppen sollten.

Die Kellertür flog mit einem dumpfdröhnenden Schall auf und dann hörte er das Klirren viel lauter im Hausflur unten; dann wie es die Treppe herauf kam; und dann wie es gerade auf seine Tür zukam. »’s ist Humbug,« sagte Scrooge. »Ich glaube nicht dran.« Aber doch veränderte er die Farbe, als es, ohne zu verweilen, durch die schwere Tür und in das Zimmer kam. Als es herein trat, flammte das sterbende Feuer auf, als ob es riefe, ich kenne ihn, Marley’s Geist! und sank wieder zusammen.

Dasselbe Gesicht, ganz dasselbe. Marley mit seinem Zopf, seiner gewöhnlichen Weste, den engen Hosen und hohen Stiefeln; die Quasten der letztern standen zu Berge, wie sein Zopf und seine Rockschöße und das Haar auf seinem Kopfe. Die Kette, welche er hinter sich her schleppte, war um seinen Leib geschlungen. Sie war lang und ringelte sich wie ein Schwanz; und war, denn Scrooge betrachtete sie sehr genau, aus Geldkassen, Schlüsseln, Schlössern, Hauptbüchern, Kontrakten und schweren Börsen aus Stahl zusammengesetzt. Sein Leib war durchsichtig, so dass Scrooge durch die Weste hindurch die zwei Knöpfe hinten auf seinem Rock sehen konnte. Scrooge hatte oft sagen gehört, Marley habe kein Herz im Leibe, aber er glaubte es erst jetzt. Nein, er glaubte es selbst jetzt noch nicht. Obgleich er das Gespenst durch und durch und vor sich stehen sah; obgleich er den kalten Schauer seiner totenstarren Augen fühlte und selbst den Stoff des Tuches erkannte, welches um seinen Kopf und sein Kinn gebunden war und das er früher nicht bemerkt hatte, war er doch noch ungläubig und sträubte sich gegen das Zeugnis seiner Sinne. »Nun,« sagte Scrooge, bissig und kalt wie gewöhnlich, »was wollt Ihr?« »Viel!« Das war Marley’s Stimme. »Wer seid Ihr?« »Fragt mich, wer ich war.« »Nun, wer wart Ihr?« sagte Scrooge lauter. »Als ich lebte, war ich Euer Kompagnon, Jacob Marley.« »Könnt Ihr Euch setzen?« fragte Scrooge, ihn zweifelnd ansehend. »Ich kann es.« »So tut’s.« Scrooge stellte die Frage, weil er nicht wußte, ob ein so durchsichtiger Geist sich werde setzen können, und fühlte die Notwendigkeit einer unangenehmen Erklärung, wenn es ihm nicht möglich wäre. Aber der Geist setzte sich auf der andern Seite des Kamins nieder, als wenn er es gewohnt wäre. »Ihr glaubt nicht an mich?« sagte der Geist. »Nein,« sagte Scrooge. »Welches Zeugnis wollt Ihr, außer dem Eurer Sinne, von meiner Wirklichkeit haben?« »Ich weiß nicht,« sagte Scrooge. »Warum glaubt Ihr Euren Sinnen nicht?« »Weil sie eine Kleinigkeit stört,« sagte Scrooge. »Eine kleine Unpässlichkeit des Magens macht sie zu Lügnern. Ihr könnt ein unverdautes Stück Rindfleisch, ein Käserindchen, ein Stückchen ungare Kartoffel sein. Wer Ihr auch sein mögt, Ihr habt mehr vom Unterleib, als von der Unterwelt an Euch.« Es war nicht eben Scrooge’s Gewohnheit, Witze zu machen, auch fühlte er eben jetzt keine besondere Lust dazu. Die Wahrheit ist, dass er sich bestrebte lustig zu sein, um sich zu zerstreuen und sein Entsetzen niederzuhalten; denn die Stimme des Geistes machte selbst das Mark seiner Knochen erzittern. Nur einen Augenblick schweigend diesen starren, toten Augen gegenüber zu sitzen, wäre halber Tod gewesen, das fühlte Scrooge wohl. Auch war es so grauenerregend, dass das Gespenst seine eigene höllische Atmosphäre hatte. Scrooge fühlte sie nicht selbst, aber doch musste es so sein; denn obgleich das Gespenst ganz regungslos dasaß, bewegten sich seine Haare, seine Rockschöße und seine Stiefelquasten wie vom heißen Dunst eines Ofens. »Ihr seht diesen Zahnstocher,« sagte Scrooge, aus dem eben angeführten Grunde seinen Angriff sogleich wieder beginnend und vom Wunsch beseelt, wenn auch nur für einen Augenblick den starren, eisigen Blick des Gespenstes von sich abzuwenden. »Ja,« antwortete der Geist. »Ihr seht ihn ja nicht an,« sagte Scrooge. »Aber ich sehe ihn doch,« sagte das Gespenst. »Gut,« erwiderte Scrooge. »Ich brauche ihn nur hinunterzuschlucken und mein ganzes übriges Leben hindurch verfolgen mich eine Legion Kobolde, die ich selbst erschaffen habe. Humbug, sag ich, Humbug!« Bei diesen Worten stieß das Gespenst einen schrecklichen Schrei aus und ließ seine Kette so grauenerregend und fürchterlich klirren, dass Scrooge sich fest an seinen Stuhl halten musste, um nicht in Ohnmacht herunterzufallen. Aber wie wuchs sein Entsetzen, als das Gespenst das Tuch vom Kopf nahm, als wäre es ihm zu warm im Zimmer, und die Kinnlade auf die Brust herabsank. Scrooge fiel auf die Knie nieder und schlug die Hände vors Gesicht. »Gnade!« rief er. »Schreckliche Erscheinung, warum verfolgst du mich?« »Mensch mit der irdisch gesinnten Seele,« entgegnete der Geist, »glaubst du an mich, oder nicht?« »Ich glaube,« sagte Scrooge, »ich muss glauben. Aber warum wandeln Geister auf Erden und warum kommen sie zu mir?« »Von jedem Menschen wird es verlangt,« antwortete der Geist, »dass seine Seele unter seinen Mitmenschen wandle, in der Ferne und in der Nähe; und wenn dieser Geist nicht während des Lebens hinausgeht, so ist er verdammt, es nach dem Tode zu tun. Er ist verdammt, durch die Welt zu wandern – ach, wehe mir – und zu sehen, was er nicht teilen kann, was er aber auf Erden hätte teilen und zu seinem Glück anwenden können.« Und wieder stieß das Gespenst einen Schrei aus und schüttelte seine Ketten und rang die schattenhaften Hände. »Du bist gefesselt,« sagte Scrooge zitternd. »Sage mir, warum?« »Ich trage die Kette, die ich während meines Lebens geschmiedet habe,« sagte der Geist. »Ich schmiedete sie Glied nach Glied und Elle nach Elle; mit meinem eigenen freien Willen lud ich sie mir auf und mit meinem eigenen freien Willen trug ich sie. Ihre Glieder kommen dir seltsam vor.« Scrooge zitterte mehr und mehr. »Oder willst du wissen,« fuhr der Geist fort, »wie schwer und wie lang die Kette ist, die du selbst trägst? Sie war gerade so lang und so schwer, wie diese hier, vor sieben Weihnachten. Seitdem hast du daran gearbeitet. Es ist eine schwere Kette.« Scrooge sah auf den Boden herab, in der Erwartung, von fünfzig oder sechzig Klaftern Eisenketten sich umschlungen zu sehen; aber er sah nichts. »Jacob,« sagte er flehend. »Jacob Marley, sage mir mehr. Sprich mir Trost ein, Jacob.« »Ich habe keinen Trost zu geben,« antwortete der Geist. »Er kommt von anderen Regionen, Ebenezer Scrooge, und wird von andern Boten zu andern Menschen gebracht. Auch kann ich dir nicht sagen, was ich dir sagen möchte. Ein klein wenig mehr ist alles, was mir erlaubt ist. Nirgendwo kann ich rasten oder ruhen. Mein Geist ging nie über unser Büro hinaus – merke wohl auf – im Leben blieb mein Geist immer in den engen Grenzen unsrer schachernden Höhle; und weite Reisen liegen noch vor mir.« Scrooge hatte die Gewohnheit, wenn er nachdenklich wurde, die Hand in die Hosentasche zu stecken. Über das, was der Geist sagte, nachsinnend, tat er es auch jetzt, aber ohne die Augen zu erheben, oder vom Stuhl aufzustehen. »Du musst dir aber viel Zeit genommen haben, Jacob,« bemerkte er mit dem Tone eines Geschäftsmannes, obgleich mit vieler Demut und Ehrerbietung. »Viel Zeit!« sagte der Geist. »Sieben Jahre tot,« sagte sinnend Scrooge. »Und die ganze Zeit über gereist.« »Die ganze Zeit,« sagte der Geist. »Ohne Frieden, ohne Ruhe und mit den Qualen ewiger Reue.« »Du reisest schnell,« sagte Scrooge. »Auf den Schwingen des Windes,« sagte der Geist. »Du hättest eine große Strecke in sieben Jahren bereisen können,« sagte Scrooge. Als der Geist dies hörte, stieß er wieder einen Schrei aus und klirrte so grässlich mit seiner Kette durch das Grabesschweigen der Nacht, dass ihn die Polizei mit vollem Rechte wegen Ruhestörung hätte bestrafen können. »O, gefangen und gefesselt,« rief das Gespenst, »nicht zu wissen, dass Zeitalter von unaufhörlicher Arbeit sterblicher Geschöpfe vergehen, ehe das Gute, dessen die Erde fähig ist, sich entwickeln kann; nicht zu wissen, dass ein christlicher Geist, und wenn er auch in einem noch so kleinen Kreise von Liebe wirkt, in diesem Erdenleben sich selbst belohnende Arbeit genug finden kann! Aber ich wußte es nicht, ach, ich wußte es nicht!« »Aber du warst immer ein guter Geschäftsmann, Jacob,«stotterte Scrooge zitternd, der jetzt anfing, das Schicksal des Geistes auf sich selbst anzuwenden. »Geschäft!« rief das Gespenst, seine Hände abermals ringend. »Der Mensch war mein Geschäft. Das allgemeine Wohlsein war mein Geschäft; Barmherzigkeit, Versöhnlichkeit und Liebe, alles das war mein Geschäft. Alles, was ich in meinem Gewerbe that, war nur ein kleiner Tropfen Wasser in dem weiten Ozean meines Geschäftes.« Er hielt seine Kette vor sich hin, als ob dies die Ursache seines nutzlosen Schmerzes gewesen wäre, und warf sie wieder dröhnend nieder. »Zu dieser Zeit des schwindenden Jahres,« sagte das Gespenst, »leide ich am meisten. Warum ging ich mit zur Erde blickenden Augen durch das Gedränge meiner Mitmenschen und wendete meinen Blick nie zu dem gesegneten Stern empor, der die Weisen zur Wohnung der Armut führte? Gab es keine arme Hütte, wohin mich sein Licht hätte leiten können?« Scrooge hörte mit Entsetzen das Gespenst so reden und fing an gar sehr zu zittern. »Höre mich,« rief der Geist. »Meine Zeit ist fast vorüber.« »Ich will hören,« sagte Scrooge. »Aber mache es gnädig mit mir! Werde nicht hitzig, Jacob, ich bitte dich.« »Wie es kommt, dass ich vor dich in einer dir sichtbaren Gestalt treten kann, weiß ich nicht. Viele, viele Tage habe ich unsichtbar neben dir gesessen.« Das war kein angenehmer Gedanke. Scrooge schauderte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Es ist kein leichter Teil meiner Buße,« fuhr der Geist fort. »Heute Nacht komme ich zu dir, um dich zu warnen, dass noch für dich eine Möglichkeit vorhanden ist, meinem Schicksal zu entgehen. Eine Möglichkeit und eine Hoffnung, die du mir zu verdanken hast.« »Du bist immer mein guter Freund gewesen,« sagte Scrooge. »Ich danke dir.« »Drei Geister,« fuhr das Gespenst fort, »werden zu dir kommen.« Bei diesen Worten wurde Scrooge’s Angesicht noch trauriger als das des Gespenstes. »Ist das die Möglichkeit und die Hoffnung, die du genannt hast, Jacob?« fragte er mit zitternder Stimme. »Ja.« »Ich – ich sollte meinen, das wäre eben keine Hoffnung,« sagte Scrooge. »Ohne ihr Kommen,« sagte der Geist, »kannst du nicht hoffen, den Pfad zu vermeiden, den ich verfolgen muss. Erwarte den ersten morgen früh, wenn die Glocke Eins schlägt.« »Könnte ich sie nicht alle auf einen Schlag nehmen?« meinte Scrooge. »Erwarte den zweiten in der nächsten Nacht um dieselbe Stunde. Den dritten in der nächsten Nacht, wenn der letzte Schlag Zwölf ausgeklungen hat. Schau mich an, denn du siehst mich nicht mehr; und schau mich an, dass du dich, um deinetwillen an das erinnerst, was zwischen uns geschehen ist.« Als es diese Worte gesprochen hatte, nahm das Gespenst das Tuch vom Tisch und band es sich wieder um den Kopf. Scrooge erfuhr das durch das Knirschen der Zähne, als die Kinnladen zusammen klappten. Er wagte es, die Augen zu erheben und erblickte seinen übernatürlichen Besuch vor sich stehen, die Augen noch starr auf ihn geheftet, und die Kette um den Leib und den Arm gewunden.

Die Erscheinung entfernte sich rückwärtsgehend; und bei jedem Schritt öffnete sich das Fenster ein wenig, so dass, als das Gespenst es erreichte, es weit offen stand. Es winkte Scrooge näher zu kommen, was er tat. Als sie noch zwei Schritte voneinander entfernt waren, hob Marley’s Geist die Hand in die Höhe, ihm gebietend, nicht näher zu kommen. Scrooge stand still. Weniger aus Gehorsam, als aus Überraschung und Furcht: denn wie sich die gespenstische Hand erhob, hörte er verwirrte Klänge durch die Luft schwirren und unzusammenhängende Töne des Klagens und des Leides, unsagbar, voll Schmerz und Reue. Das Gespenst horchte ihnen eine Weile zu und stimmte dann in das Klagelied ein; dann schwebte es in die dunkle Nacht hinaus. Scrooge trat an das Fenster, von der Neugier bis zur Verzweiflung getrieben. Er sah hinaus.

Die Luft war mit Schatten angefüllt, welche in ruheloser Hast und klagend hin und her schwebten. Jeder trug eine Kette, wie Marley’s Geist; einige wenige waren zusammengeschmiedet (wahrscheinlich schuldige Ministerien), keines war ganz fessellos. Viele waren Scrooge während ihres Lebens bekannt gewesen. Ganz genau hatte er einen alten Geist in einer weißen Weste gekannt, welcher einen ungeheuren eisernen Geldkasten hinter sich herschleppte und jämmerlich schrie, einem armen, alten Weibe mit einem Kinde nicht beistehen zu können, welches unten auf einer Türschwelle saß. Man sah es klar, ihre Pein war, sich umsonst bestreben zu müssen, den Menschen Gutes zu tun und die Macht dazu auf immer verloren zu haben. Ob diese Wesen in dem Nebel zergingen, oder ob sie der Nebel einhüllte, wußte er nicht zu sagen. Aber sie und ihre Gespensterstimmen vergingen zu gleicher Zeit und die Nacht wurde wieder so, wie sie bei seinem Nachhausegehen gewesen war. Scrooge schloss das Fenster und untersuchte die Tür, durch welche das Gespenst hereingekommen war. Sie war noch verschlossen und verriegelt, wie vorher. Er versuchte zu sagen: Humbug, aber blieb bei der ersten Silbe stecken, und da er von der innern Bewegung, oder von den Anstrengungen des Tages, oder von seinem Einblick in die unsichtbare Welt, oder der Unterhaltung mit dem Gespenst, oder der späten Stunde sehr erschöpft war, ging er sogleich zu Bett, ohne sich auszuziehen, und sank bald in Schlaf.

Kapitel Zwei

Der erste der drei Geister

Als Scrooge wieder aufwachte, war es so finster, dass er kaum das durchsichtige Fenster von den Wänden seines Zimmers unterscheiden konnte. Er bemühte sich, die Finsternis mit seinen Katzenaugen zu durchdringen, als die Glocke eines Turmes in der Nachbarschaft viertelte. Er lauschte, um die Stunde schlagen zu hören. Zu seinem großen Erstaunen schlug die Glocke fort, von sechs zu sieben, und von sieben zu acht und so weiter bis zwölf; dann schwieg sie. Zwölf! Es war Zwei vorüber gewesen, als er sich zu Bett gelegt hatte. Das Uhrwerk musste falsch gehen. Ein Eiszapfen musste zwischen die Räder gekommen sein. Zwölf!

Er drückte auf die Feder seiner Repetieruhr, um der verrückten Glocke nachzuhelfen. Ihr kleiner, lebendiger Puls schlug Zwölf, und schwieg. »Was! Es ist doch nicht möglich,« sagte Scrooge, »ich sollte den ganzen Tag und tief in die andere Nacht geschlafen haben? Es ist doch nicht möglich, dass der Sonne etwas passiert und dass es mittags um Zwölf ist.« Mit diesem unruhigen Gedanken beschäftigt, stieg er aus dem Bett und tappste ans Fenster. Er musste das Eis erst wegkratzen und das Fenster mit dem Ärmel seines Schlafrockes abwischen, ehe er etwas sehen konnte; und auch danach konnte er nur sehr wenig erkennen. Alles, was er wahrnehmen konnte, war, dass es noch sehr neblig und sehr kalt war, und dass man nicht den Lärm hin und her eilender Leute hörte, der doch gewiss stattgefunden hätte, wenn Nacht den hellen Tag vertrieben und selbst Besitz von der Welt genommen hätte. Das war ein großer Trost, weil »drei Tage nach Sicht bezahlen Sie diesen Primawechsel an Mr. Ebenezer Scrooge oder dessen Order u. s. w.« eine bloße Vereinigte Staaten-Sicherheit gewesen wäre, wenn es keine Tage mehr gab, um danach zu zählen.

Scrooge legte sich wieder ins Bett und dachte darüber hin und her, konnte aber zu keinem Schlusse kommen. Je mehr er nachdachte, desto verwirrter wurde er; und je mehr er sich bestrebte, nicht nachzudenken, desto mehr dachte er nach. Marley’s Geist machte ihm viel zu schaffen. Allemal wenn er nach reiflicher Überlegung zu dem festen Entschluss gekommen war, das Ganze nur für einen Traum zu halten, flog sein Geist wie eine starke vom Druck befreite Feder wieder in die alte Lage zurück und legte ihm dieselbe Frage wieder vor, die er schon zehnmal überlegt hatte: War es ein Traum oder nicht?

Scrooge blieb in diesem Zustande liegen, bis es wieder drei Viertel schlug. Da besann er sich plötzlich, dass der Geist ihm eine Erscheinung mit dem Schlage Eins versprochen hatte. So beschloss er wach zu bleiben, bis die Stunde vorüber sei; und wenn man bedenkt, dass er eben so wenig schlafen, als in den Himmel kommen konnte, war dies gewiss der klügste Entschluss, den er fassen konnte.

Die Viertelstunde war so lang, dass es ihm mehr als einmal vorkam, er müsste unversehens in Schlaf gefallen sein und die Uhr überhört haben. Endlich vernahm sein lauschendes Ohr die Glocke. »Ding, dong!« »Ein Viertel,« sagte Scrooge zählend. »Ding, dong!« »Halb,« sagte Scrooge. »Ding, dong!« »Drei Viertel,« sagte Scrooge. »Ding, dong!« »Voll!« rief Scrooge freudig, »und weiter nichts!« Er sprach das, ehe die Stundenglocke schlug, was sie jetzt mit einem tiefen, hohlen, melancholischen Eins tat. In demselben Augenblicke wurde es hell in dem Zimmer und die Vorhänge seines Bettes wurden geöffnet.

Ich sag es euch, die Vorhänge seines Bettes wurden von einer Hand weggezogen; nicht die Vorhänge ihm zu Füßen, nicht die Vorhänge hinter seinem Rücken, sondern die Vorhänge, gegen die sich sein Gesicht kehrte, die Vorhänge wurden weggezogen; und Scrooge, sich aufrichtend, blickte dem unirdischen Gast in das Gesicht, der sie geöffnet hatte; so dicht stand er ihm gegenüber, wie ich jetzt im Geiste neben euch stehe. Es war eine wunderbare Gestalt, gleich einem Kinde; aber doch eigentlich nicht gleich einem Kinde, sondern mehr wie ein Greis, der durch einen wunderbaren Zauber erschien, als sei er dem Auge entrückt und auf diese Weise so klein geworden wie ein Kind. Sein Haar, welches in langen Locken auf seine Schultern herabwallte, war weiß, wie vom Alter; aber doch hatte das Gesicht keine einzige Runzel und um das Kinn bemerkte man den zartesten Flaum. Die Arme waren lang und muskulös; die Hände ebenso, als liege eine ungeheure Kraft in ihnen. Seine Füße, zart und fein geformt, waren, wie die Arme, entblößt. Der Geist trug eine Tunika vom reinsten Weiß; und um seinen Leib schlang sich ein Gürtel von wunderbarem Schimmer. Er hielt einen frisch-grünen Stecheichenzweig in der Hand; aber in seltsamem Widerspruch mit diesem Zeichen des Winters war das Kleid mit Sommerblumen verziert. Das Wunderbarste aber war, dass aus der Krone auf seinem Haupte ein heller Lichtstrahl in die Höhe schoss, welcher alles rings erleuchtete, und welcher gewiss die Ursache war, dass der Geist bei weniger guter Laune einen großen Lichtauslöscher, den er jetzt unter dem Arme trug, als Mütze aufsetzte.

Aber selbst dies war nicht seine seltsamste Eigenschaft. Denn wie der Gürtel des Geistes jetzt an dieser Stelle glänzte und funkelte und jetzt an jener, und wie das, was im Augenblick hell gewesen war, jetzt dunkel wurde, so verwandelte sich auch die Gestalt selbst, man wußte nicht wie: jetzt war es ein Ding mit einem Arm, jetzt mit einem Bein, jetzt mit zwanzig Beinen, jetzt bloß zwei Füße ohne Kopf, jetzt ein Kopf ohne Leib; und wie einer dieser Teile verschwand, blieb keine Spur von ihm in dem dichten Dunkel zurück, welches ihn aufnahm. Und das größte Wunder dabei war: die Gestalt blieb immer dieselbe. »Sind Sie der Geist, dessen Erscheinung mir vorhergesagt wurde?« fragte Scrooge. »Ich bin es.« Die Stimme war sanft und wohlklingend und so leise, als käme sie nicht aus dichtester Nähe, sondern aus einiger Entfernung. »Wer und was seid Ihr?« fragte Scrooge, schon etwas mehr Vertrauen fassend. »Ich bin der Geist der vergangenen Weihnachten.« »Der lange vergangenen?« fragte Scrooge, seiner zwergenhaften Gestalt denkend. »Nein, deiner vergangenen.«

Vielleicht hätte Scrooge niemand sagen können, warum, wenn ihn jemand gefragt hätte, aber doch fühlte er ein ganz besonderes Verlangen, den Geist in seiner Mütze zu sehen; und er bat ihn, sich zu bedecken. »Was?« rief der Geist, »willst du sobald mit irdisch gesinnter Hand das Licht, welches ich spende, verlöschen? Ist es nicht genug, dass du einer von denen bist, deren Leidenschaften diese Mütze geschaffen haben und mich zwingen, durch lange, lange Jahre meine Stirn damit zu verhüllen?« Scrooge entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, er habe nicht den Willen gehabt, ihn zu beleidigen, und behauptete, nicht zu wissen, dass er irgend je in seinem Leben dem Geiste Ursache gegeben habe, sich zu bedecken. Dann war er so frei, zu fragen, was ihn hierher führe. »Dein Wohl,« sagte der Geist.

Scrooge drückte seine Dankbarkeit aus, aber konnte sich doch des Gedankens nicht erwehren, dass eine Nacht ungestörten Schlafes ihm mehr genützt haben würde. Der Geist musste ihn haben denken hören, denn er sagte sogleich: »Deine Besserung also. Nimm dich in acht!« Er streckte seine starke Hand aus, als er dies sprach und ergriff sanft seinen Arm. »Steh auf und folge mir.« Vergebens würde Scrooge eingewendet haben, Wetter und Stunde sei schlecht geeignet zum Spazierengehen; das Bett sei warm und der Thermometer ein gutes Stück unter dem Gefrierpunkte; er sei nur leicht in Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmütze gekleidet und habe gerade jetzt den Schnupfen. Dem Griff, war er auch so sanft, wie der einer Frauenhand, war nicht zu widerstehen. Er stand auf, aber wie er sah, dass der Geist nach dem Fenster schwebte, fasste er ihn flehend bei dem Gewande. »Ich bin ein Sterblicher,« sagte Scrooge, »und kann fallen.« »Dulde nur eine Berührung meiner Hand dort,« sagte der Geist, indem er ihm die Hand auf das Herz legte, »und du wirst größere Gefahren überwinden, als diese hier.«

Als diese Worte gesprochen waren, schwanden die beiden durch die Wände und standen plötzlich im Freien auf der Landstraße, rings von Feldern umgeben. Die Stadt war ganz verschwunden. Keine Spur war mehr davon übrig. Die Finsternis und der Nebel waren mit ihr verschwunden, denn es war jetzt ein klarer, kalter Wintertag und der Boden war mit weißem, reinem Schnee bedeckt. »Gütiger Himmel!« rief Scrooge, die Hände faltend, als er um sich blickte. »Hier wurde ich geboren. Hier lebte ich noch als Knabe.« Der Geist schaute ihn mit mildem Blicke an. Seine sanfte Berührung, obgleich sie nur leise und augenblicklich gewesen war, klang immer noch in dem Herzen des alten Mannes nach. Er fühlte wie tausend Düfte durch die Luft schwebten, jeder mit tausend Gedanken und Hoffnungen und Freuden und Sorgen verbunden, die lange, lange vergessen waren. »Deine Lippe zittert,« sagte der Geist. »Und was glänzt auf deiner Wange?« Scrooge murmelte mit einem ungewöhnlichen Stocken in der Stimme, es sei ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen, wohin er wolle. »Erinnerst du dich des Weges?« fragte der Geist. »Ob ich mich seiner erinnere?« rief Scrooge mit Innigkeit; »ich könnte ihn blindlings gehen.« »Seltsam, dass du ihn so viele Jahre lang vergessen hast,« sagte der Geist. »Komm!«

Sie schritten den Weg entlang. Scrooge erkannte jedes Tor, jeden Pfahl, jeden Baum wieder, bis ein kleiner Marktflecken in der Ferne mit seiner Kirche, seiner Brücke und dem hellen Fluss erschien. Jetzt kamen einige Knaben, auf zottigen Ponys reitend, auf sie zu, welche anderen Knaben in ländlichen Wagen laut zuriefen. Alle diese Knaben waren gar fröhlich und laut, bis die weiten Felder so voll heiterer Musik waren, dass die kalte, sonnige Luft lachte, sie zu hören. »Dies sind bloß Schatten der Dinge, die gewesen sind,« sagte der Geist, »sie wissen nichts von uns.« Die fröhlichen Reisenden kamen näher und jetzt erkannte Scrooge sie alle und konnte sie alle bei Namen nennen. Warum freute er sich über alle Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein kaltes Auge feucht, warum frohlockte sein Herz, als sie vorübereilten, warum wurde sein Herz weich, wie sie an den Kreuzwegen voneinander schieden und sich fröhliche Weihnachten wünschten? Was gingen Scrooge fröhliche Weihnachten an? Der Henker hole fröhliche Weihnachten! Welchen Nutzen hatte er jemals davon gehabt? »Die Schule ist nicht ganz verlassen,« sagte der Geist »Ein Kind, eine verlassene Waise sitzt noch einsam dort.« Scrooge sagte, er wisse es. Und er schluchzte.

Sie verließen jetzt die Heerstraße auf einem ihm wohlbekannten Feldweg und erreichten bald ein Haus von dunkelroten Ziegeln, mit einem kleinen Türmchen auf dem Dache und darin eine Glocke. Es war ein großes Haus, aber jetzt vernachlässigt und verfallen, denn die geräumigen Gemächer waren wenig gebraucht, die Wände feucht und grün, die Fenster zerbrochen, die Türen morsch und zerfallen. Hühner gluckten und scharrten in den Ställen; und der Wagenschuppen war mit Gras überwachsen. Auch im Innern war nichts von seiner alten Pracht übrig geblieben, denn als sie in die verödete Hausflur eintraten und durch die offenen Türen in die vielen Zimmer blickten, sahen sie nur ärmlich ausgestattete, kalte, große Räume. Ein erdiger, dumpfiger Geruch erfüllte die Luft, eine frostige Unbehaglichkeit schien um den Ort zu schweben, die auf irgend eine Art an zu oft früh bei Licht aufstehen, und nicht zu viel zu essen zu bekommen erinnerte.

Der Geist und Scrooge gingen über den Hausflur zu einer Tür auf der Rückseite des Hauses. Sie öffnete sich vor ihnen und zeigte ihnen einen langen, kahlen, unbehaglichen Saal, noch kahler und unbehaglicher gemacht durch die Reihen von einfachen hölzernen Bänken. Auf einer derselben saß einsam ein Knabe neben einem schwachen Feuer und las; und Scrooge setzte sich auf eine Bank nieder und weinte, sein eigenes, vergessenes Selbst, wie es in früheren Jahren war, zu sehen. Kein dumpfer Widerhall in dem Hause, kein Rascheln der Mäuse hinter dem Getäfel, kein Getröpfel des halbgefrorenen Röhrtrogs in dem Hofe hinten, kein Seufzer in den blattlosen Zweigen einer verlassen trauernden Pappel, nicht das Klappen der vom Winde hin und her geschwungenen Tür des Vorratshauses im Hofe, selbst nicht das Knistern des Feuers war für Scrooge verloren. Alles fiel auf sein Herz mit erweichenden Tönen und löste seine Tränen.

Der Geist berührte seinen Arm und wies auf sein jüngeres, in ein Buch vertieftes Selbst. Plötzlich stand ein Mann in fremdartiger Tracht mit einer Axt im Gürtel und einen mit Holz beladenen Esel am Zaume führend, draußen vorm Fenster, wundersam wirklich und deutlich zu sehen. »Was! Das ist ja Ali Baba!« rief Scrooge voller Freude aus. »Es ist der alte, liebe, ehrliche Ali Baba. Ja, ja, ich weiß noch. Einst zur Weihnachtszeit, als jener verlassene Knabe hier ganz allein saß, kam er zum erstenmal, gerade wie er dort steht. Der arme Junge! Und Valentin,« fuhr Scrooge fort, »und sein wilder Bruder Orson, dort gehen sie! Und wie heißt der, der mitten im Schlafe vor das Tor von Damaskus gesetzt wurde? siehst du ihn nicht! Und der Stallmeister des Sultans, der von den Genien auf den Kopf gestellt wurde, dort ist er! Ha, ha, es geschieht ihm schon recht! Wer heißt ihn die Prinzessin heiraten wollen!«

Scrooge mit vollem Ernste und mit einer Stimme zwischen Lachen und Weinen über solche Gegenstände reden zu hören und sein vor Freude aufgeregtes Gesicht zu sehen, wäre für seine Geschäftsfreunde in der Stadt gewiss eine große Überraschung gewesen. »Da ist auch der Papagei,« rief Scrooge, »mit grünem Leib und gelbem Schwanz, und etwas, das wie ein Stück Pflücksalat auf seinem Kopfe wächst. da ist er! Armer Robinson Crusoe nannte er ihn, als er von seiner Umsegelung der Insel wieder nach Hause kam. ›Armer Robinson Crusoe, wo warst du, Robinson Crusoe?‹ Der Mann glaubte er träume, aber er tat’s nicht. Es war der Papagei. Ha, dort läuft Freitag, rennt um sein Leben, zu der kleinen Bucht. Halloa! Hoop! Halloo!«

Dann sagte er mit einem schnellen Wechsel der Gefühle, der seinem gewöhnlichen Charakter sehr fremd war: »Der arme Knabe!« und er weinte wieder. »Ich wünschte,« murmelte Scrooge, die Hand in die Tasche steckend und um sich blickend, nachdem er sich mit dem Rockaufschlag die Augen gewischt hatte, »aber es ist zu spät jetzt.« »Was willst du?« fragte der Geist. »Nichts,« sagte Scrooge, »nichts. Gestern Abend sang vor meiner Tür ein Knabe ein Weihnachtslied. Ich wünschte, ich hätte ihm etwas gegeben, weiter nichts.« Der Geist lächelte gedankenvoll und winkte mit der Hand. Dann sagte er: »Lass uns ein anderes Weihnachten sehen.« Scrooge’s früheres Selbst wurde bei diesen Worten größer, und das Zimmer etwas finstrer und schwärzer; das Getäfel warf sich, die Fensterscheiben sprangen; Stücke Kalkbewurf fielen von der Decke, und das bloße Lattenwerk zeigte sich; aber wie das alles geschah, wußte Scrooge ebensowenig als ihr. Er wußte nur, alles sei ganz in der Ordnung, und habe sich ganz so zugetragen, und er sei es wieder, der dort allein sitze, während die andern Knaben nach Hause zur fröhlichen Weihnachtsfeier gereist waren.

Er las nicht, sondern ging wie in Verzweiflung im Zimmer auf und ab. Scrooge blickte den Geist an, und schaute mit einem traurigen Kopfschütteln und in banger Erwartung nach der Tür. Sie ging auf, und ein kleines Mädchen, viel jünger als der Knabe, sprang herein, schlang die Arme um seinen Hals, küsste ihn und begrüßte ihn als ihren »lieben, lieben Bruder.« »Ich komme, um dich mit nach Haus zu nehmen, lieber Bruder!« sagte das Kind, fröhlich mit den Händen klatschend. »Dich mit nach Haus zu nehmen, nach Haus!« »Nach Haus, liebe Fanny?« fragte der Knabe. »Ja!« antwortete die Kleine, in überströmender Freude. »Nach Hause und für immer. Der Vater ist so viel freundlicher als sonst, dass es bei uns wie im Himmel ist. Er sprach eines Abends, als ich zu Bett ging, so freundlich mit mir, dass ich mir ein Herz fasste, und ihn fragte, ob du nicht nach Hause kommen dürftest; und er sagte ja, und schickt mich im Wagen her, um dich zu holen. Und du sollst jetzt dein freier Herr sein,« sagte das Kind, und blickte ihn bewundernd an, »und nicht mehr hierher zurückkehren; aber erst sollen wir alle zusammen das Weihnachtsfest feiern und recht lustig sein.« »Du bist ja eine ordentliche Dame geworden, Fanny!« rief der Knabe aus. Sie klatschte in die Hände und lachte, und versuchte, bis an seinen Kopf zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder, und stellte sich auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie ihn in kindischer Ungeduld nach der Tür, und er begleitete sie mit leichtem Herzen.

Eine schreckliche Stimme im Hausflur rief: »Bringt Master Scrooge’s Koffer herunter!« Es war der Schullehrer selbst, welcher Master Scrooge mit gestrengster Herablassung anstierte, und ihn in großen Schrecken setzte, wie er ihm die Hand drückte. Dann führte er ihn und seine Schwester in ein feuchtes, fröstelnerregendes Putzzimmer, wo die Erd- und Himmelsgloben im Fenster vor Kälte glänzten. Hier brachte er eine Flasche merkwürdig leichten Wein und ein Stück merkwürdig schweren Kuchen herbei, und regalierte die Kinder schonend sparsam mit diesen auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine hungrig aussehende Magd hinaus, um dem Postillion ein Gläschen anzubieten, wofür dieser aber mit den Worten dankte, wenn es von demselben Fasse wie das vorige sei, möchte er lieber nicht kosten. Während dieser Zeit war Master Scrooge’s Koffer auf den Wagen gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Bedauern vom Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen, und fuhren so schnell zum Garten hinaus, dass der Reif und der Schnee von den immergrünen Gebüschen wie Schaum stob. »Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch hätte verwelken können,« sagte der Geist. »Aber sie hatte ein reiches Herz.« »Ja, das hatte sie,« rief Scrooge. »Ich will nicht widersprechen, Geist. Gott verhüte es!« »Sie starb verheiratet,« sagte der Geist, »und hatte Kinder, glaube ich.« »Ein Kind,« antwortete Scrooge. »Ja,« sagte der Geist. »Dein Neffe.« Scrooge schien unruhig zu werden und er antwortete kurz »Ja.«

Obgleich sie kaum einen Augenblick die Schule hinter sich gelassen hatten, befanden sie sich doch jetzt mitten in den lebendigsten Straßen der Stadt, wo schattenhafte Fußgänger vorübergingen, wo gespenstische Wagen und Kutschen sich um Platz stritten und wo alles Gedräng und alles wirre Leben einer wirklichen Stadt war. An der Aufmachung der Läden sah man, dass auch hier Weihnachten war; aber es war Abend und die Straßenlaternen brannten. Der Geist blieb vor einer Gewölbetür stehen und fragte Scrooge, ob er sie kenne. »Ob ich sie kenne?« sagte Scrooge. »Hab ich hier nicht gelernt?« Sie traten hinein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer Stutzperücke, welcher hinter einem so hohen Pulte saß, dass er mit dem Kopf hätte an die Decke stoßen müssen, wenn er zwei Zoll größer gewesen wäre, rief Scrooge in großer Aufregung: »Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott segne ihn, es ist Fezziwig, wie er leibt und lebt!« Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und sah nach der Uhr, deren Zeiger auf Sieben stand. Er rieb die Hände, zog seine geräumige Weste herunter, lachte über und über, von den Schuhspitzen bis zum Organ der Gutmütigkeit und rief mit einer behäbigen, voll und doch mild tönenden heitern Stimme: »Hallo, dort! Ebenezer! Dick!« Scrooge’s früheres Selbst, jetzt zu einem Jüngling geworden, trat munter herein, begleitet von seinem Mitlehrling. »Dick Wilkins, wahrhaftig!« sagte Scrooge zu dem Geist. »Wahrhaftig, er ist es. Er hatte mich sehr lieb, der Dick. Der arme Dick! Gott, Gott!« »Hallo, meine Burschen,« sagte Fezziwig. »Feierabend heute. Weihnachten, Dick! Weihnachten, Ebenezer! Macht die Laden zu,« rief der alte Fezziwig, munter die Hände zusammenklatschend, »ehe ein Mann sagen kann Jack Robinson.« Man hätte nicht glauben sollen, wie frisch die beiden Jungen daran gingen. Sie stürmten mit den Läden hinaus auf die Straße — eins, zwei, drei — hingen sie an ihre Plätze — vier, fünf, sechs — schlossen und verriegelten sie — sieben, acht, neun, und waren zurück, ehe man zwölf sagen konnte, keuchend wie Rennpferde.

»Hussaho!« rief der alte Fezziwig, mit wunderbarer Geschicklichkeit von seinem hohen Sessel herunterspringend. »Räumt auf, Jungens, und macht viel Platz! Hussaho, Dick! Hallo, Ebenezer!« Aufräumen! Es gab nichts, was sie nicht aus dem Weg schaffen würden, oder schaffen könnten, auf das der alte Fezziwig ein Auge geworfen hatte. Es war in einer Minute geschehen. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde in die Winkel geschoben, als wenn es für immer aus dem öffentlichen Dienste entlassen worden wäre; der Flur wurde gekehrt und geschrubbt, die Lampen geputzt, Kohlen auf das Feuer geschüttet; und der Laden war so behaglich und warm und hell, wie ein Ballzimmer, wie man es nur an einem Winterabende verlangen kann.

Jetzt trat ein Fiedler mit einem Notenbuche herein und stieg Fezziwigs hohen Stuhl hinauf, dort sein Orchester aufzuschlagen und stimmte wie fünfzig Mal Magenschmerzen. Dann kam Mrs. Fezziwig, ein behagliches Lächeln über und über. Dann kamen die drei Miss Fezziwigs, freudestrahlend und liebenswürdig. Dann kamen die sechs Jünglinge, deren Herzen sie brachen. Dann kamen die Burschen und Mädchen, die im Hause einen Dienst hatten: das Hausmädchen mit ihrem Vetter, dem Bäcker, die Köchin mit ihres Bruders vertrautem Freund, dem Milchmann. Dann kam der Bursche von gegenüber, von dem man sagte, er habe bei seinem Herrn knappe Kost; er versuchte, sich hinter dem Mädchen aus dem Nachbarhause zu verstecken, der man bewies, sie sei von ihrer Herrschaft ausgescholten worden. Sie kamen alle, einer nach dem andern; einige blöde, andere keck, einige mit Geschick, andere mit Ungeschick, diese zerrend und jene stoßend. Dann ging es los, zwanzig Paar auf einmal, eine halbe Runde hin und zurück, dann die Mitte des Zimmers hinauf und wieder herab, dann in verschiedenen Kreisen sich drehend; das alte erste Paar immer an der falschen Stelle stehen bleibend; das neue erste Paar immer wieder anfangend, wenn es stehen bleiben sollte; bis alle Paare erste waren und kein einziges mehr das letzte. Als sie so weit gekommen waren, klatschte der alte Fezziwig zum Zeichen, dass der Tanz aus sei und rief »Bravo!« und der Fiedler senkte sein glühendes Gesicht in einen Krug Porter, der besonders zu diesem Zweck neben ihm stand. Aber kaum war er wieder herausgestiegen, als er wieder aufzuspielen anfing, obgleich noch keine Tänzer dastanden, als ob der alte Fiedler erschöpft nach Hause getragen worden und er ein ganz frischer sei, entschlossen, ihn vergessen zu machen, oder dabei unterzugehen. Dann folgten noch mehrere Tänze und Pfänderspiele und wieder Tänze. Dann kam Kuchen und Punsch und ein großes Stück kalter Rinderbraten, und dann ein großes Stück kaltes, gekochtes Rindfleisch und Fleischpasteten und Überfluss von Bier. Aber der Glanzpunkt des Abends kam nach dem Rindfleisch, als der Fiedler (ein pfiffiger Kopf, er kannte sein Geschäft besser, als ihr oder ich es ihm hätte lehren können) anfing »Sir Roger de Coverley.« Da trat der alte Fezziwig mit Mrs. Fezziwig an und zwar als das erste Paar. Sie hatten ein gut Stück Arbeit vor sich, drei- oder vierundzwanzig Paar Tänzer, Leute, mit denen nicht zu spaßen war, Leute, die tanzen wollten und keinen Begriff vom Gehen hatten. Aber wenn es zweimal, ja viermal so viel gewesen wären, hätte es der alte Fezziwig mit ihnen aufgenommen und auch Mrs. Fezziwig. Sie war, im vollen Sinne des Wortes, würdig, seine Tänzerin zu sein. Wenn das kein großes Lob ist, so sagt mir ein größeres und ich will es aussprechen. Fezziwigs Waden schienen wirklich zu leuchten. Sie glänzten in jedem Teil des Tanzes wie ein Paar Monde.

Ihr hättet zu irgend einer Minute nicht voraus sagen können, was aus ihnen in der nächsten werden würde. Und als der alte Fezziwig und Mrs. Fezziwig alle Touren des Tanzes durchgemacht hatten, battierte Fezziwig so geschickt, dass es war, als zwinkerte er mit den Beinen, und er kam, ohne zu wanken, wieder auf die Füße.

Mit dem elften Glockenschlag war dieser häusliche Ball zu Ende. Mr. und Mrs. Fezziwig stellten sich zu beiden Seiten der Tür auf, schüttelten jedem einzelnen der Gäste die Hand zum Abschied und wünschten ihm oder ihr fröhliche Weihnachten. Als alles, außer den zwei Lehrlingen, fort war, taten sie diesen das Gleiche. So waren die heitern Stimmen verklungen, und die Burschen gingen in ihr Bett, welches sich unter einem Ladentisch in der hintersten Niederlage befand. Während dieser ganzen Zeit hatte sich Scrooge wie ein Verrückter benommen. Sein Herz und seine Seele waren in Mitten des Festes und seinem früheren Selbst. Er bestätigte alles, erinnerte sich an alles, freute sich über alles und befand sich in der seltsamsten Aufregung. Nicht eher, als bis die fröhlichen Gesichter seines früheren Selbst und Dicks verschwunden waren, dachte er daran, dass der Geist neben ihm stehe und ihn anschaue, während das Licht auf seinem Haupte in voller Klarheit brannte. »Eine Kleinigkeit,« sagte der Geist, »diesen närrischen Leuten solche Dankbarkeit einzuflößen.« »Eine Kleinigkeit!« gab Scrooge zurück. Der Geist gab ihm ein Zeichen, den beiden Lehrlingen zuzuhören, welche ihr Herz in Lobpreisungen Fezziwigs ausschütteten; und als Scrooge das getan hatte, sprach der Geist: »Nun, ist es nicht so? Er hat nur ein paar Pfund Eures irdischen Geldes ausgegeben; vielleicht drei oder vier. Ist das so viel, dass er solches Lob verdient?« »Das ist’s nicht,« sagte Scrooge, von dieser Bemerkung gereizt und wie sein früheres, nicht wie sein jetziges Selbst sprechend. »Das ist’ s nicht, Geist. Er hat die Macht, uns glücklich oder unglücklich, unsern Dienst zu einer Last oder zu einer Bürde, zu einer Freude oder zu einer Qual zu machen. Du magst sagen, seine Macht liege in Worten und Blicken, in so unbedeutenden und kleinen Dingen, dass es unmöglich ist, sie alle aufzuzählen: was schadet das? Das Glück, welches er bereitet, ist so groß, als wenn es sein ganzes Vermögen kostete.« Er fühlte des Geistes Blick und schwieg. »Was gibt’s?« fragte der Geist. »Nichts, nichts,« sagte Scrooge. »Etwas, sollt’ ich meinen,« drängte der Geist. »Nein,« sagte Scrooge, »nein. Ich möchte nur eben ein paar Worte mit meinem Diener sprechen. Das ist alles.« Sein früheres Selbst löschte die Lampen aus, als er diesen Wunsch aussprach, und Scrooge und der Geist standen wieder im Freien. »Meine Zeit geht zu Ende,« sagte der Geist. »Schnell!«

Dies letzte Wort war nicht zu Scrooge oder zu jemand, den er sehen konnte, gesprochen, aber es wirkte sofort. Denn wieder sah Scrooge sich selbst. Er war jetzt älter geworden: ein Mann in der Blüte seiner Jahre. Sein Gesicht hatte nicht die schroffen, rauen Züge seiner späteren Jahre, aber schon fing es an, die Zeichen der Sorge und des Geizes zu tragen. In seinem Auge brannte ein ruheloses, habsüchtiges Feuer, welches von der Leidenschaft sprach, die dort Wurzel geschlagen hatte, und zeigte, wohin der Schatten des wachsenden Baumes fallen würde. Er war nicht allein, sondern saß neben einem schönen jungen Mädchen in Trauerkleidern. In ihrem Auge standen Tränen, welche in dem Lichte glänzten, das vom Geist vergangener Weihnachten ausströmte. »Es ist ohne Bedeutung,« sagte sie sanft. »Ihnen von gar keiner. Ein anderes Götzenbild hat mich verdrängt; und wenn es Sie in späterer Zeit trösten und aufrecht erhalten kann, wie ich es versucht haben würde, so habe ich keine gerechte Ursache zu klagen.« »Welches Götzenbild hätte Sie verdrängt?« erwiderte er. »Ein goldenes.« »Dies ist die Gerechtigkeit der Welt!« sagte er. »Gegen nichts ist sie so hart, wie gegen die Armut; und nichts tadelt sie mit größerer Strenge, als das Streben nach Reichtum.« »Sie fürchten das Urteil der Welt zu sehr,« antwortete sie sanft. »Alle Ihre andern Hoffnungen sind in der einen aufgegangen, vor diesem engherzigen Vorwurf gesichert zu sein. Ich habe Ihre edleren Bestrebungen eine nach der andern verschwinden sehen, bis die eine Leidenschaft nach Gold Sie ganz erfüllt. Ist es nicht wahr?« »Und was ist da weiter?« antwortete er. »Selbst wenn ich so viel klüger geworden bin, was ist da weiter? Gegen Sie bin ich nie anders geworden.« Sie schüttelte den Kopf. »Bin ich anders.« »Unser Bund ist aus alter Zeit. Er wurde geschlossen, als wir beide arm und zufrieden waren, bis wir unser Los durch ausdauernden Fleiß verbessern könnten. Sie haben sich verändert. Als er geschlossen wurde, waren Sie ein anderer Mensch.« »Ich war ein Knabe,« sagte er ungeduldig. »Ihr eigenes Gefühl sagt Ihnen, dass Sie nicht so waren, wie Sie jetzt sind,« antwortete sie. »Ich bin noch dieselbe. Das, was uns Glück versprach, als wir noch ein Herz und eine Seele waren, muss uns Unglück bringen, da wir im Geiste nicht mehr eins sind. Wie oft und wie bitter ich dies gefühlt habe, will ich nicht sagen; es ist genug, dass ich es gefühlt habe und dass ich Ihnen Ihr Wort zurückgeben kann.« »Habe ich dies jemals verlangt?« »In Worten? Nein. Niemals!« »Womit dann?« »Durch ein verändertes Wesen, durch einen andern Sinn, durch andere Bestrebungen des Lebens und durch eine andere Hoffnung, als seinem Ziel. In allem, was meiner Liebe in Ihren Augen einigen Wert gab. Wenn alles Frühere nicht zwischen uns geschehen wäre,« sagte das Mädchen, ihn mit sanftem, aber festem Blicke ansehend, »würden Sie mich jetzt aufsuchen und um mich werben? Gewiss nicht!« Er schien die Wahrheit dieser Voraussetzung wider seinen Willen zuzugeben. Aber er tat seinen Gefühlen Gewalt an und sagte: »Sie glauben es nicht?« »Gern glaubte ich es, wenn ich es könnte,« sagte sie, »Gott weiß es! Wenn ich eine Wahrheit, gleich dieser, erkannt habe, weiß ich, wie unwiderstehlich sie sein muss. Aber wenn Sie heute oder morgen, oder gestern frei wären, soll ich glauben, dass Sie ein armes Mädchen wählen würden, Sie, der selbst in den vertrautesten Stunden alles nach dem Gewinn abmisst? oder soll ich mir verhehlen, dass selbst, wenn Sie für einen Augenblick Ihrem einen leitenden Grundsatze untreu werden könnten, Sie gewiss einst Täuschung und bittere Reue fühlen würden? Nein, und deswegen gebe ich Ihnen Ihr Wort zurück. Willig und um die Liebe dessen, der Sie einst waren.« Er wollte sprechen, aber mit abgewendetem Gesicht fuhr sie fort: »Vielleicht – der Gedanke an die Vergangenheit lässt es mich fast hoffen – wird es Sie schmerzen. Eine kurze, sehr kurze Zeit, und Sie werden dann die Erinnerung daran fallen lassen, freudig, wie die Gedanken eines unnützen Traumes, von dem zu erwachen ein Glück für Sie war. Möge Sie alles Glück auf dem erwählten Lebenswege begleiten!« Sie schieden.

»Geist,« sagte Scrooge, »zeige mir nichts mehr, führe mich nach Haus. Warum erfreust du dich daran, mich zu quälen?« »Noch ein Schatten,« rief der Geist aus. »Nein,« rief Scrooge. »Nein! Ich mag keins mehr sehen. Zeige mir keins mehr.« Aber der erbarmungslose Geist hielt ihn mit beiden Händen fest und zwang ihn, zu betrachten, was zunächst geschah. Sie befanden sich an einem andern Ort, in einem Zimmer, nicht sehr groß oder schön, aber voller Behaglichkeit. Neben dem Kamin saß ein schönes junges Mädchen, so gleich der, welche Scrooge zuletzt gesehen hatte, dass er glaubte, es sei dieselbe, bis er sie, jetzt eine stattliche Matrone, der Tochter gegenüber sitzen sah. In dem Zimmer war ein wahrer Aufruhr, denn es befanden sich mehr Kinder darin, als Scrooge in seiner Aufregung zählen konnte; und hier betrugen sich nicht vierzig Kinder wie eins, sondern jedes Kind wie vierzig. Die Folge davon war ein Lärm sondergleichen; aber niemand schien sich darum zu kümmern; im Gegenteil, Mutter und Tochter lachten herzlich und freuten sich darüber; und die letztere, die sich bald in die Spiele mischte, wurde von den kleinen Schelmen gar grausam mitgenommen. Was hätte ich darum gegeben, eines dieser Kinder zu sein, obgleich ich nimmer so ungezogen gewesen wäre. Nein, nein! Für alle Schätze der Welt hätte ich nicht diese Locken zerdrückt und zerwühlt; und diesen lieben, kleinen Schuh hätte ich nicht entwendet, um mein Leben zu retten. Im Scherz ihre Taille zu messen, wie die kecke, junge Brut tat, ich hätte es nicht gewagt; ich hätte geglaubt, mein Arm würde zur Strafe krumm werden und nie wieder gerade wachsen. Und doch, wie gern, ich gestehe es, hätte ich ihre Lippen berührt; wie gern hätte ich sie gefragt, damit sie sich geöffnet hätten; wie gern hätte ich die Wimpern dieser niedergeschlagenen Augen betrachtet, ohne ein Erröten hervorzurufen; wie gern hätte ich dieses wogende Haar gelöst, von dem ein Zoll ein Schatz über allen Preis gewesen wäre; kurz, wie gern hätte ich das kleinste Privilegium eines Kindes gehabt, mit der Bedingung, Mann genug zu sein, um seinen Wert zu kennen.

Aber jetzt wurde ein Klopfen an der Tür gehört, was einen so allgemeinen Sturz nach derselben veranlasste, dass sie mit lachendem Gesicht und verwirrtem Anzug in der Mitte eines frohlockenden lärmenden Haufens nach der Tür gedrängt wurde, dem Vater entgegen, der nach Haus kam, in Begleitung eines Mannes mit Weihnachtsgeschenken beladen. Aber nun das Geschrei und das Gedräng und der Sturm auf den verteidigungslosen Träger! Wie sie auf Stühlen an ihm hinaufstiegen, in seine Taschen guckten, die Papierpäckchen raubten, an seiner Halsbinde zupften, an seinem Halse hingen, ihm auf den Rücken trommelten und an die Beine stießen – alles in unwiderstehlicher Freude! Dann diese Ausrufungen der Verwunderung und des Frohlockens, mit denen der Inhalt jedes Päckchens begrüßt wurde! Die schreckliche Kunde, dass das Wickelkind ertappt worden sei, wie es die Bratpfanne der Puppe in den Mund gesteckt, oder wohl gar das hölzerne Huhn samt der Schüssel hinuntergeschluckt habe! Die große Beruhigung, zu finden, dass es ein falscher Lärm gewesen sei! Die Freude und die Dankbarkeit und das Entzücken! Dies alles ist über alle Beschreibung. Es muss genügen, zu wissen, dass die Kinder und ihre Freuden endlich aus dem Zimmer kamen und eine Treppe auf einmal hinaufgingen, wo sie zu Bett gebracht wurden und dort blieben. Und als jetzt Scrooge sah, wie der Herr des Hauses, die Tochter zärtlich an seine Seite geschmiegt, sich mit ihr und ihrer Mutter an seinem eigenen Herd niedersetzte; und wie er dachte, dass ein solches Wesen ebenso lieblich und hoffnungsreich ihn hätte Vater nennen und wie Frühlingszeit in dem öden Winter seines Lebens hätte sein können, da wurden seine Augen wirklich trübe. »Bella,« sagte der Mann, sich lächelnd zu seiner Gattin wendend, »ich sah heut Nachmittag einen alten Freund von dir.« »Wer war es?« »Rate.«

»Wie kann ich das? Ach, jetzt weiß ich,« fügte sie sogleich hinzu, lachend, wie er lachte. »Mr. Scrooge.« »Ja, Mr. Scrooge. Ich ging an seinem Bürofenster vorüber; und da kein Laden davor war und er Licht drin hatte, musste ich ihn fast sehen. Sein Kompagnon liegt im Sterben, hörte ich, und er saß allein dort. Ganz allein in der Welt, glaube ich.« »Geist,« sagte Scrooge mit bebender Stimme, »führe mich weg von diesem Orte.« »Ich sagte dir, dass dieses Schatten gewesener Dinge wären,« sagte der Geist. »Gib mir nicht die Schuld, dass sie so sind, wie sie sind.« »Führe mich weg!« rief Scrooge aus. »Ich kann es nicht ertragen.« Er wandte sich gegen den Geist, und wie er sah, dass er ihn mit einem Gesicht anblickte, in welchem sich auf eine seltsame Weise einzelne Züge all der Gesichter zeigten, die er gesehen hatte, rang er mit ihm. »Verlass mich, führ mich weg. Umschwebe mich nicht länger.« In dem Kampfe, wenn das ein Kampf genannt werden kann, wo der Geist, ohne einen sichtbaren Widerstand von seiner Seite, von den Anstrengungen seines Gegners ungestört blieb, bemerkte Scrooge, dass das Licht auf seinem Haupte hoch und hell brenne; und in einem dunklen Instinkt jenes Licht mit des Geistes Einfluss auf sich verbindend, ergriff er den Lichtauslöscher und stülpte ihn auf des Geistes Haupt. Der Geist sank darunter zusammen, so dass der Lichtauslöscher seine ganze Gestalt bedeckte; aber obgleich Scrooge ihn mit seiner ganzen Kraft niederdrückte, konnte er das Licht nicht verbergen, welches darunter hervor und mit hellem Schimmer über den Boden strömte. Er fühlte, dass er erschöpft sei und von einer unüberwindlichen Schläfrigkeit befallen werde und wußte, dass er in seinem eignen Schlafzimmer sei. Er gab dem Lichtauslöscher noch einen Druck zum Abschiede und fand kaum Zeit, in das Bett zu wanken, ehe er in tiefen Schlaf sank.

Kapitel Drei

Der zweite der drei Geister

Scrooge erwachte mitten in einem tüchtigen Geschnarch und setzte sich im Bett in die Höhe, um seine Gedanken zu sammeln. Diesmal hatte niemand nötig, ihm zu sagen, dass es gerade Eins sei. Er fühlte, dass er gerade zur rechten Zeit und zum ausdrücklichen Zwecke erwacht sei, eine Konferenz mit dem zweiten an ihn durch Jacob Marley’s Vermittlung abgesandten Boten zu halten. Aber bei dem Gedanken, welche seiner Bettgardinen wohl das neue Gespenst zurückschlagen würde, wurde es ihm ganz unheimlich kalt, und so schlug er sie mit seinen eigenen Händen zurück. Dann legte er sich wieder nieder und beschloss, genau aufzupassen, denn er wollte den Geist in dem Augenblicke seiner Erscheinung stellen, und wünschte nicht überrascht und erschreckt zu werden.

Leute von keckem Mute, die sich schmeicheln, es schon mit etwas aufnehmen zu können, und immer an ihrem Platze zu sein, drücken den weiten Bereich ihrer Fähigkeiten mit den Worten aus: Sie wären gut für alles, vom Brotessen bis zum Menschenverschlingen; zwischen welchen beiden Extremen ohne Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Darlegung ihrer Kräfte liegt. Ohne gerade zu behaupten, dass Scrooge es so weit gebracht hätte, muss ich doch vom Leser den Glauben fordern, dass er auf ein recht schönes Sortiment von Erscheinungen gefasst war, und dass nichts zwischen einem Wickelkind und einem Rhinozeros ihn sehr staunen gemacht haben würde.

Eben weil er auf fast alles gefasst war, war er nicht vorbereitet, nichts zu sehen; und so, als die Glocke Eins schlug und keine Gestalt erschien, überfiel ihn ein heftiges Zittern. Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde vergingen, aber es kam nichts. Die ganze Zeit über lag er auf seinem Bett, in der Mitte eines Stromes rötlichen Lichtes, welches sich über ihm ausgoss, als die Glocke die Stunde verkündigte; und welches, weil es nur Licht war, viel beunruhigender als ein Dutzend Geister war, da es ihm unmöglich war zu erraten, was es bedeute oder was es wolle. Ja, er fürchtete zuweilen, er möchte in diesem Augenblick ein merkwürdiger Fall von Selbstentzündung sein, ohne den Trost zu haben, es zu wissen. Endlich jedoch fing er an zu denken, dass die Quelle dieses geisterhaften Lichtes wohl in dem anliegenden Zimmer sein möge, aus dem es bei näherer Betrachtung zu strömen schien. Wie dieser Gedanke die Herrschaft über seine Seele bekommen hatte, stand er leise auf und schlürfte in den Pantoffeln nach der Tür. In demselben Augenblick, wo sich Scrooge’s Hand auf den Drücker legte, rief ihn eine fremde Stimme bei Namen und hieß ihn eintreten. Er gehorchte.

Es war sein eigenes Zimmer. Daran ließ sich nicht zweifeln. Aber eine wunderbare Umwandlung war mit ihm vorgegangen. Wände und Decke waren ganz mit grünen Zweigen bedeckt, dass es ganz aussah wie eine Laube, in der überall glänzende Beeren schimmerten. Die glänzenden, strammen Blätter der Stecheiche, der Mistel und des Efeus warfen das Licht zurück und erschienen wie ebensoviel kleine Spiegel. Eine so gewaltige Flamme loderte die Esse hinauf, wie dieses Spottbild eines Kamins in Scrooge’s oder Marley’s Zeit seit vielen, vielen Wintern nicht gekannt hatte. Auf dem Fußboden waren zu einer Art von Thron Truthähne, Gänse, Wildbret, große Braten, Spanferkel, lange Reihen von Würsten, Pasteten, Plumpuddings, Austerfässchen, glühende Kastanien, rotbäckige Äpfel, saftige Orangen, appetitliche Birnen, ungeheure Stollen und siedende Punschbowlen aufgehäuft, welche das Zimmer mit köstlichem Geruch erfüllten. Auf diesem Thron saß behaglich und mit fröhlichem Angesicht ein Riese, gar herrlich anzuschauen. In der Hand trug er eine brennende Fackel, fast wie ein Füllhorn gestaltet, und hielt sie hoch in die Höhe, um Scrooge damit zu beleuchten, wie er in das Zimmer schaute.

»Nur herein,« rief der Geist. »Nur herein, und lerne mich besser kennen.« Scrooge trat schüchtern ein und senkte das Haupt vor dem Geiste. Er war nicht mehr der hartfühlende, nichtsscheuende Scrooge wie früher, und obgleich des Geistes Augen hell und mild glänzten, wünschte er ihnen doch nicht zu begegnen. »Ich bin der Geist der heurigen Weihnacht,« sagte die Gestalt. »Sieh mich an.«

Scrooge tat es mit ehrfurchtsvollem Blick. Der Geist war in ein einfaches, dunkelgrünes Gewand, mit weißem Pelz gesäumt, gekleidet. Die breite Brust war entblößt, als verschmähe sie, sich zu verstecken. Auch die Füße waren bloß und schauten unter den weiten Falten des Gewandes hervor; und das Haupt hatte keine andere Bedeckung, als einen Stecheichenkranz, in dem hier und da Eiszapfen glänzten. Seine dunkelbraunen Locken wallten fessellos auf die Schultern. Sein munteres Gesicht, sein glänzendes Auge, seine fröhliche Stimme, sein ungezwungenes Benehmen, alles sprach von Offenheit und heiterem Sinn. Um den Leib trug er eine alte Degenscheide gegürtet; aber sie war von Rost zerfressen und kein Schwert stak darin. »Du hast nie meinesgleichen vorher gesehen,« rief der Geist. »Niemals,« entgegnete Scrooge. »Hast dich nie mit den jüngern Gliedern meiner Familie abgegeben; ich meine (denn ich bin sehr jung) meine ältern Brüder, welche in den letztern Jahren geboren worden sind,« fuhr das Phantom fort. »Ich glaube nicht,« sagte Scrooge. »Es tut mir leid, es nicht getan zu haben. Hast du viele Brüder gehabt, Geist?« »Mehr als achtzehnhundert,« sagte dieser. »Eine schrecklich große Familie, für die man zu sorgen hat,« murmelte Scrooge. Der Geist der heurigen Weihnacht stand auf. »Geist,« sagte Scrooge demütig, »führe mich wohin du willst. Gestern Nacht wurde ich durch Zwang hinausgeführt und mir wurde eine Lehre gegeben, die jetzt im Wirken ist. Heute bin ich bereit zu folgen, und wenn du mir etwas zu lehren hast, will ich hören.« »Berühre mein Gewand.«

Scrooge tat, wie ihm gesagt worden und hielt es fest. Stecheichen, Misteln, rote Beeren, Efeu, Truthähne, Gänse, Braten, Spanferkel, Würste, Austern, Pasteten, Puddings, Früchte und Punsch, alles verschwand augenblicklich. Auch das Zimmer verschwand, das Feuer, der rötliche Schimmer, die nächtliche Stunde, und sie standen in den Straßen der Stadt, am Morgen des Weihnachtstages, wo die Leute, denn es war sehr kalt, eine raue, aber muntere und nicht unangenehme Musik machten, wie sie den Schnee vom Straßenpflaster und den Dächern der Häuser zusammenscharrten. Und daneben standen die Kinder und freuten sich und frohlockten, wie die Schneelawinen von den Dächern herunterstürzten und in künstliche Schneestürme zerstiebten. Die Häuser erschienen schwarz und die Fenster noch schwärzer, verglichen mit der glatten, weißen Schneedecke auf den Dächern und dem schmutzigen Schnee auf den Straßen. In den letztern war er von den schweren Rädern der Wagen und Karren in tiefe Furchen aufgepflügt; Furchen, die sich hundert- und aberhundertmal kreuzten, wo eine Nebenstraße ausging, und in dem dicken, gelben Schmutz und halberstarrten Wasser labyrinthische Kanäle bildeten. Der Himmel war trübe und selbst die kürzesten Straßen schienen sich in einen dicken Nebel zu verlieren, dessen schwerere Teile in einem rußigen Regen niederfielen, als wenn alle Essen von England sich auf einmal entzündet hätten und jetzt nach Herzenslust brennten. Es war nichts Heiteres in der ganzen Umgebung und doch lag etwas in der Luft, was die klarste Sommerluft und die hellste Sommersonne nicht hätten verbreiten können. Denn die Leute, welche den Schnee von den Dächern schaufelten, waren lustig und voll mutwilliger Laune. Sie riefen sich einander zu von den Dächern und wechselten dann und wann einen Schneeball – ein gutmütigerer Pfeil, als manches Wort – und lachten herzlich, wenn er traf und nicht weniger herzlich, wenn sie fehlschossen. Die Läden der Geflügelhändler waren noch halb offen und die der Fruchthändler strahlten in heller Freude. Da sah man große, runde, dickbäuchige Körbe voll Kastanien, gleich den Westen lustiger, alter Herren, an den Türen lehnend, oder im apoplektischen Überfluss auf die Straße rollend. Da sah man braune, dickbäuchige, spanische Zwiebeln, in ihrer Fettheit spanischen Mönchen gleichend und mutwillig den Mädchen winkend, welche vorübergingen und verschämt nach dem Mistelzweige schielten. Da sah man Birnen und Äpfel in Pyramiden zusammengestellt; Trauben, die der Kaufmann in seiner Gutmütigkeit recht augenfällig im Gewölbe hängen ließ, dass den Vorübergehenden der Mund gratis wässere; Haufen von Haselnüssen, bemoost und braun, mit ihrem frischen Duft vergangene Streifzüge in den Wald durch das raschelnde, fußhohe welke Laub zurückrufend; Norfolk-Biffins, fett und knusprig, mit ihrer Bräune von den gelben Orangen abstechend und gar dringend bittend, dass man sie in Papiertüten nach Hause tragen und nach dem Mittag essen möge. Ja, selbst die Gold- und Silberfische, welche in einem Glas mitten unter den auserlesenen Früchten standen, obgleich von einem dick- und kaltblütigen Geschlecht, schienen zu wissen, dass etwas Besonderes los sei und schwammen um ihre kleine Welt in langsamer und leidenschaftsloser Bewegung.

Die Kolonialwarengeschäfte! Ach die Kolonialwarengeschäfte! Fast geschlossen waren sie, mit vielleicht zwei heruntergelassenen Läden, oder einem; aber welche Herrlichkeiten sah man durch diese Öffnungen! Nicht allein, dass die Waagschalen mit einem fröhlichen Klang auf den Ladentischen klirrten, oder dass der Bindfaden und seine Rolle so munter voneinander schieden, oder dass die Büchsen wie durch Zauberei blitzschnell hin und her fuhren, oder dass der vermischte Geruch von Kaffee und Tee der Nase so wohltuend war, die Rosinen so wunderschön, die Mandeln so außerordentlich weiß, die Zimtstangen so lang und gerade, die andern Gewürze so köstlich, die eingemachten Früchte so dick mit geschmolzenem Zucker belegt waren, dass der kälteste Zuschauer entzückt wurde; nicht dass die Feigen so saftig und fleischig waren, oder dass die französischen Pflaumen in bescheidener Koketterie in ihren verzierten Büchsen erröteten, oder dass alles so gut zu essen oder so schön in seinem Weihnachtskleid war; das war es nicht allein. Die Kaufenden waren auch alle so eifrig und eilig in der Hoffnung des Festes, dass sie in der Türe gegeneinander rannten, wie von Sinnen mit ihren Körben zusammenstießen und ihre Einkäufe vergaßen und wieder zurückliefen, um sie zu holen, und tausend ähnliche Irrtümer in der bestmöglichen Laune begingen, während der Kaufmann und seine Leute so frisch und froh waren, dass die blanken Herzen, welche ihre Schürzen hinten zusammenhielten, ihre eigenen hätten sein können, die für aller Augen Besichtigung auswendig getragen wurden.

Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und der Kapelle und in ihren besten Kleidern und mit ihren feiertäglichen Gesichtern gingen die Leute durch die Straßen; und zu derselben Zeit strömten aus den Nebenstraßen und Gässchen und namenlosen Winkeln zahllose Leute, welche ihr Mittagessen zum Bäcker trugen. Der Anblick dieser Armen und doch so Glücklichen schien des Geistes Teilnahme am meisten zu erregen, denn er blieb mit Scrooge neben eines Bäckers Tür stehen, und indem er die Decken von den Schüsseln nahm, wie die Träger vorübergingen, bestreute er ihr Mahl mit Weihrauch von seiner Fackel. Es war eine gar wunderbare Fackel, denn ein paarmal, als ein paar von den Leuten zusammengerannt waren und einige heftige Worte fielen, besprengte er sie mit einigen Tropfen Tau von seiner Fackel und ihre gute Laune war augenblicklich wiederhergestellt. Denn sie sagten, es sei eine Schande, sich am Weihnachtstage zu zanken.

Jetzt schwiegen die Glocken und die Läden der Bäcker wurden geschlossen; und doch schwebte noch ein Schattenbild von allen diesen Mittagessen und dem Fortschreiten ihrer Zubereitung in dem getauten, nassen Fleck über jedem Ofen; und vor ihnen rauchte das Pflaster, als wenn selbst die Steine kochten. »Ist eine besondere Kraft in dem, was deine Fackel ausstreut?« fragte Scrooge. »Ja. Meine eigene.« »Würde sie auf jedes Mittagsmahl an diesem Tage wirken?« fragte Scrooge. »Auf jedes, welches gern gegeben wird. Auf ein ärmliches am meisten.« »Warum auf ein ärmliches am meisten?« »Weil das sie am meisten bedarf.« »Geist,« sagte Scrooge nach einem augenblicklichen Sinnen, »mich wundert’s, dass von allen Wesen auf den vielen Welten um uns, du wünschen solltest, diesen Leuten die Gelegenheit unschuldigen Genusses zu rauben.« »Ich?!« rief der Geist. »Du willst ihnen die Mittel nehmen, jeden siebenten Tag zu Mittag zu essen, und doch ist das der einzige Tag, wo sie überhaupt zu Mittag essen können,« sagte Scrooge. »Oder nicht?« »Ich?!« rief der Geist. »Du bestrebst diese Orte am siebten Tag zu schließen.« sagte Scrooge. »Und das kommt aufs Selbe raus.« »Ich bestrebe?!« schrie der Geist. »Verzeihe mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen geschehen oder wenigstens in dem deiner Familie,« sagte Scrooge.

»Es gibt Menschen auf Eurer Erde,« entgegnete der Geist, »welche uns kennen wollen und ihre Taten des Stolzes, der Missgunst, des Hasses, des Neides, des Fanatismus und der Selbstsucht in unserm Namen tun; die uns in allem, was zu uns gehört, so fremd sind, als wenn sie nie gelebt hätten. Bedenke das und schreibe ihre Taten ihnen selbst zu und nicht uns.« Scrooge versprach es und sie gingen unsichtbar, wie bisher, weiter in die Vorstadt. Es war eine wunderbare Eigenschaft des Geistes (Scrooge hatte sie bei dem Bäcker bemerkt), dass er, trotz seiner riesenhaften Gestalt, doch überall leicht Platz fand; und dass er unter einem niedrigen Dach ebenso schön und wie ein übernatürliches Wesen dastand, wie im geräumigen hohen Saal.

Vielleicht war es die Freude, welche der gute Geist darin fühlte, diese Macht zu zeigen, vielleicht auch seine warmherzige, freundliche Natur und seine Teilnahme für alle Armen, was ihn gerade zu Scrooge’s Diener führte; denn er ging wirklich hin und nahm Scrooge mit, der sich an sein Gewand festhielt. Auf der Schwelle stand der Geist lächelnd still und segnete Bob Cratchit’s Wohnung mit dem Tau seiner Fackel. Bedenkt nur, Bob hatte nur fünfzehn »Bob« die Woche; er steckte Sonnabends nur fünfzehn seiner Namensvettern in die Tasche; und doch segnete der Geist der heurigen Weihnacht sein Haus.

Mr. Cratchit’s Frau, in einem ärmlichen, zweimal gewendeten Kleid, schön aufgeputzt mit Bändern, die billig sind, aber hübsch genug für sechs Pence aussehen, stand im Zimmer und deckte den Tisch. Belinda Cratchit, ihre zweite Tochter, half ihr, während Mr. Peter Cratchit mit der Gabel in eine Schüssel voll Kartoffeln stach und die Spitzen seines ungeheuren Hemdkragens (Bob’s Privateigentum, seinem Sohn und Erben zu Ehren des Festes geliehen) in den Mund kriegte, voller Stolz, so schön angezogen zu sein und voll Sehnsucht, sein weißes Hemd in den fashionablen Parks zur Schau zu tragen. Jetzt kamen die zwei kleineren Cratchits, ein Mädchen und ein Knabe, hereingesprungen und schrieen, sie hätten an des Bäckers Tür die Gans gerochen und gewusst, dass es ihre eigene sei; und in freudigen Träumen von Salbei und Zwiebeln tanzten sie um den Tisch und erhoben Master Peter Cratchit bis in den Himmel, während er (nicht stolz, obgleich der Hemdkragen ihn fast erstickte) das Feuer blies, bis die Kartoffeln aufwallend an den Topfdeckel klopften, dass man sie herauslassen und schälen möge. »Wo bleibt nur der Vater?« sagte Mrs. Cratchit. »Und dein Bruder Tiny Tim; und Martha kam vorige Weihnachten eine halbe Stunde früher.« »Hier ist Martha, Mutter,« sagte ein Mädchen, zur Tür hereintretend. »Hier ist Martha, Mutter,« riefen die beiden kleinen Cratchits. »Hurra, das ist eine Gans, Martha.« »Gott grüße dich, liebes Kind! Wie spät du kommst!« sagte Mrs. Cratchit, sie ein dutzendmal küssend und mit zutunlichem Eifer ihr Schal und Hut abnehmend. »Wir hatten gestern Abend viel zurecht zu machen,« antwortete das Mädchen, »und mussten heute alles fertig machen, Mutter.« »Nun, es schadet nichts, da du doch da bist,« sagte Mrs. Cratchit. »Setze dich an das Feuer, liebes Kind, und wärme dich.« »Nein, nein, der Vater kommt,« riefen die beiden kleinen Cratchits, die überall zu gleicher Zeit waren. »Versteck dich, Martha, versteck dich!« Martha versteckte sich und jetzt trat Bob herein, der Vater. Wenigstens drei Fuß, ungerechnet der Fransen, hing der Schal auf seine Brust herab und die abgetragenen Kleider waren geflickt und gebürstet, um ihnen ein ansehnliches Aussehen zu geben. Tiny Tim saß auf seiner Schulter. Der arme Tiny Tim! Er trug eine kleine Krücke und seine Glieder wurden von eisernen Schienen gestützt. »Nun, wo ist unsere Martha?« rief Bob Cratchit, im Zimmer herumschauend. »Sie kommt nicht,« sagte Mrs. Cratchit. »Sie kommt nicht?« sagte Bob mit einer plötzlichen Abnahme seiner fröhlichen Laune; denn er war den ganzen Weg von der Kirche Tims Pferd gewesen und im vollen Laufe nach Hause gerannt. »Sie kommt nicht zum Weihnachtsabend?« Martha wollte ihm keinen Schmerz verursachen, selbst nicht aus Scherz, und so trat sie hinter der Tür hervor und schlang die Arme um seinen Hals, während die beiden kleinen Cratchits sich Tiny Tims bemächtigten und ihn nach dem Waschhause trugen, damit er den Pudding im Kessel singen höre. »Und wie hat sich der kleine Tim aufgeführt?« fragte Mrs. Cratchit, als sie Bob wegen seiner Leichtgläubigkeit geneckt und Bob seine Tochter nach Herzenslust geküsst hatte. »Wie ein Goldkind,« sagte Bob, »und noch besser. Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber er wird jetzt so träumerisch vom Alleinsitzen, und sinnt sich die seltsamsten Dinge aus, die du je gehört hast. Heute wie wir nach Haus gingen, sagte er, er hoffe, die Leute sähen ihn in der Kirche, denn er sei ein Krüppel, und es wäre vielleicht gut für sie, sich am Christtag an den zu erinnern, der Lahme gehend und Blinde sehend machte.« Bob’s Stimme zitterte, als er dies sagte und zitterte noch mehr, als er hinzufügte, dass Tiny Tim stärker und gesunder werden würde. Man hörte jetzt seine kleine Krücke auf dem Fußboden und ehe weiter ein Wort gesprochen worden, war Tim wieder da und wurde von seinem Bruder und seiner Schwester nach seinem Stuhl neben dem Feuer geführt. Während jetzt Bob, seine Rockaufschläge in die Höhe schlagend – als wenn es möglich wäre, sie noch mehr abzutragen – in einer Bowle aus Gin und Zitronen eine heiße Mischung zubereitete, und sie umrührte und wieder an das Feuer setzte, damit sie sich warm halten möge, gingen Master Peter und die zwei sich überall befindenden kleinen Cratchits, um die Gans zu holen, mit der sie bald in feierlichem Zuge zurückkehrten. Jetzt entstand ein solcher Lärm, als ob eine Gans der seltenste aller Vögel wäre, ein gefiedertes Wunder, gegen das ein schwarzer Schwan etwas ganz Gewöhnliches wäre, und wirklich war sie es auch in diesem Hause. Mrs. Cratchit ließ die Bratenbrühe aufwallen; Master Peter schmorte die Kartoffeln mit unglaublichem Eifer; Miss Belinda machte die Äpfelsoße süß; Martha stäubte die gewärmten Teller ab; Bob trug Tiny Tim neben sich in eine behagliche Ecke am Tisch; die beiden kleinen Cratchits stellten die Stühle zurecht, wobei sie sich nicht vergaßen, und nahmen ihren Posten ein, den Löffel in den Mund steckend, damit sie nicht nach Gans schrieen, ehe die Reihe an sie kam. Endlich wurde das Gericht aufgetragen und das Tischgebet gesprochen. Darauf folgte eine atemlose Pause, als Mrs. Cratchit, das Vorschneidemesser langsam von der Spitze bis zum Heft betrachtend, sich zurecht machte, es der Gans in die Brust zu stoßen; aber wie sie es tat, und wie der lang erwartete Strom des Gefüllsels sich ergoss, ertönte ein freudiges Murmeln um den ganzen Tisch, und selbst Tiny Tim, durch die beiden kleinen Cratchits in Feuer gebracht, schlug mit dem Heft seines Messers auf den Tisch und rief ein schwaches Hurra.

Nie hatte es so eine Gans gegeben. Bob sagte, er glaube nicht, dass jemals eine solche Gans gebraten worden wäre. Ihre Zartheit und ihr Fett, ihre Größe und ihre Billigkeit waren der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Mit Hilfe der Apfelsoße und der geschmorten Kartoffeln, gab sie ein hinreichendes Mahl für die ganze Familie; und wie Mrs. Cratchit einen einzigen kleinen Knochen noch auf der Schüssel liegen sah, sagte sie mit großer Freude, sie hätten doch nicht alles aufgegessen! Aber jeder von ihnen hatte genug und die kleinen Cratchits waren bis an die Augenbrauen mit Salbei und Zwiebeln eingesalbt. Jetzt wurden die Teller von Miss Belinda gewechselt und Mrs. Cratchit verließ das Zimmer allein – denn sie war zu unruhig, Zeugen dulden zu können – um den Pudding herauszunehmen und hereinzubringen. Wenn er nicht ausgebacken wäre! Wenn er beim Herausnehmen in Stücke zerfiele! Wenn jemand über die Mauer des Hinterhauses geklettert wäre und ihn gestohlen hätte, während sie sich an der Gans erquickten – ein Gedanke, bei dem die beiden kleinen Cratchits bleich vor Schrecken wurden! Alles mögliche Schreckliche dachte man sich. Hallo eine Wolke Dampf! Der Pudding war aus dem Kessel genommen. Ein Geruch, wie an einem Waschtag! Das war das Stofftuch. Ein Geruch wie in einem Speisehause, mit einem Pastetenbäcker auf der einen und einer Wäscherin auf der andern Seite! Das war der Pudding. In einer halben Minute trat Mrs. Cratchit herein, aufgeregt, aber stolz lächelnd und vor sich den Pudding, hart und fest wie eine gefleckte Kanonenkugel, in einem Viertelquart Brandy, flammend und in der Mitte mit der festlichen Stecheiche geschmückt.

O, ein wunderbarer Pudding! Bob Cratchit sagte mit ruhiger und sicherer Stimme, er halte das für das größte Kochkunststück, welches Mrs. Cratchit seit ihrer Heirat verrichtet habe. Mrs. Cratchit sagte, jetzt da die Last von ihrem Herzen sei, wolle sie nur gestehen, dass sie wegen der Menge des Mehls gar sehr in Angst gewesen sei. Jeder hatte darüber etwas zu sagen, aber keiner sagte oder dachte, es sei doch ein kleiner Pudding für eine so große Familie. Das wäre offenbare Ketzerei gewesen. Jeder Cratchit würde sich geschämt haben, so etwas nur zu denken.

Endlich waren sie mit dem Essen fertig, der Tisch war abgedeckt, der Herd gekehrt und das Feuer aufgeschürt. Das Gemisch in der Bowle wurde gekostet und für fertig erklärt, Äpfel und Apfelsinen auf den Tisch gesetzt und ein paar Hände voll Kastanien auf das Feuer geschüttet. Dann setzte sich die ganze Familie Cratchit um den Kamin in einem Kreise, wie es Bob Cratchit nannte, obgleich es eigentlich nur ein Halbkreis war; Bob in der Mitte und neben ihm der Gläservorrat der Familie; zwei Passgläser und ein Milchkännchen ohne Henkel. Diese Gefäße aber hielten das heiße Gemisch aus der Bowle so gut, als wenn es goldene Pokale gewesen wären, und Bob schenkte es mit strahlenden Blicken ein, während die Kastanien auf dem Feuer spuckten und platzten. Dann schlug Bob den Toast vor: »Uns allen eine fröhliche Weihnacht, meine Lieben! Gott segne uns!« Die ganze Familie wiederholte den Toast. »Gott segne uns alle und jeden!« sagte Tiny Tim, der letzte von allen. Er saß dicht neben seinem Vater auf seinem kleinen Stuhle. Bob hielt seine kleine welke Hand in der seinen, als wenn er das Kind liebe und wünsche, es bei sich zu behalten und fürchte, es möchte ihm bald genommen werden. »Geist,« sagte Scrooge mit einer Teilnahme, wie er sie noch nie gefühlt hatte, »sag mir, wird Tiny Tim leben bleiben?« »Ich sehe einen leeren Stuhl,« antwortete der Geist, »in der Kaminecke und eine Krücke ohne einen Besitzer sorgfältig aufbewahrt. Wenn die Zukunft diese Schatten nicht ändert, wird das Kind sterben.« »Nein, nein,« sagte Scrooge. »Ach nein, guter Geist, sage, dass er leben bleiben wird.« »Wenn die Zukunft diese Schatten nicht verändert, wird kein anderer meines Geschlechtes,« antwortete der Geist, »das Kind noch hier finden. Was soll’s? Wenn es sterben muss, ist es besser, es tue es gleich und vermindere die überflüssige Bevölkerung.«

Scrooge senkte das Haupt, seine eigenen Worte von dem Geiste zu hören, und fühlte sich von Reue und Schmerz überwältigt. »Mensch,« sagte der Geist, »wenn du ein menschliches Herz hast und kein steinernes, so hüte dich, so heuchlerisch zu reden, bis du weißt, was und wo dieser Überfluss ist. Willst du entscheiden, welche Menschen leben, welche Menschen sterben sollen? Vielleicht bist du in den Augen des Himmels unwürdiger und unfähiger zu leben, als Millionen, gleich dieses armen Mannes Kind. O Gott, das Gewürm auf dem Blatt über die zu vielen Lebenden unter seinen hungrigen Brüdern im Staube reden zu hören!« Scrooge nahm des Geistes Vorwurf demütig hin und schlug die Augen nieder, aber er blickte schnell wieder in die Höhe, wie er seinen Namen nennen hörte. »Es lebe Mr. Scrooge!« sagte Bob, »Mr. Scrooge, der Schöpfer dieses Festes!« »Der Schöpfer dieses Festes, wahrhaftig!« rief Mrs. Cratchit mit glühendem Gesicht. »Ich wollte, ich hätte ihn hier. Ich wollte ihm ein Stück von meiner Meinung zu kosten geben, und ich hoffe, sie würde ihm schmecken.« »Liebe Frau,« sagte Bob, »die Kinder! – es ist Weihnachten.« »Freilich muss es Weihnachten sein,« sagte sie, »wenn man auf die Gesundheit eines so niederträchtigen, geizigen, fühllosen Menschen, wie Scrooge ist, trinken kann. Und du weißt es, Robert, dass er es ist, niemand weiß es besser als du!« »Liebe Frau,« antwortete Bob mild, »es ist Weihnachten.« »Ich will auf seine Gesundheit trinken, dir und dem Feste zu gefallen,« sagte Mrs. Cratchit, »nicht seinetwegen. Möge er lange leben! Ein fröhliches Weihnachten und ein glückliches neues Jahr! – Er wird sehr fröhlich und sehr glücklich sein, das glaub ich.« Die Kinder tranken auf seine Gesundheit nach ihr. Es war das erste, was sie an diesem Abend ohne Herzlichkeit und Wärme vernahmen. Tiny Tim trank zuletzt, aber er gab keinen Pfifferling darauf. Scrooge war der Oger der Familie. Die Erwähnung seines Namens warf über alle einen düstern Schatten, der volle fünf Minuten zum Verschwinden brauchte.

Wie er weg war, waren sie zehnmal lustiger als vorher, schon weil sie Scrooge, den Schrecklichen, los waren. Bob Cratchit erzählte, wie er eine Stelle für Mr. Peter in Aussicht habe, welche diesem ganzer fünf und einen halben Schilling wöchentlich einbringen werde. Die beiden kleinen Cratchits lachten fürchterlich bei dem Gedanken, Peter als Geschäftsmann zu sehen; und Peter selbst blickte gedankenvoll zwischen seinen Halskragen hervor in das Feuer, als denke er nach, in welchen Aktien er wohl seine Ersparnisse anlegen würde, wenn er in Besitz dieser unglaublichen Summe käme. Martha, welche bei einer Putzmacherin Gehilfin war, erzählte ihnen, was für Arbeit sie jetzt mache und wie viel Stunden sie in der guten Zeit arbeiten müsse und wie sie morgen früh auszuschlafen gedenke; denn morgen war für sie ein Feiertag. Auch erzählte sie, wie sie vor einigen Tagen eine Gräfin und einen Lord gesehen und dass der Lord fast so groß wie Peter gewesen sei, bei welchen Worten Peter seinen Hemdkragen so hoch in die Höhe zupfte, dass sein Kopf dazwischen verschwand. Während dieser ganzen Zeit gingen die Kastanien und der Punsch ringsum und dazwischen sang Tiny Tim mit seiner klagenden Stimme ein Lied von einem Kind, was sich im Schnee verlaufen, und sang es recht hübsch.

In alle dem war nichts Besonderes. Es waren keine hübschen Gesichter in der Familie; sie waren nicht schön angezogen; ihre Schuhe waren nichts weniger als wasserdicht; ihre Kleider waren ärmlich; und Peter mochte wohl das Innere eines Pfandleiherladens kennen. Aber sie waren glücklich, voller Dank für ihre bescheidenen Freuden, einig untereinander und zufrieden; und als ihre Gestalten verblichen und in dem scheidenden Lichte der Fackel des Geistes noch glücklicher aussahen, verweilte Scrooge’s Auge immer noch auf ihnen und vor allem auf Tiny Tim. Es war jetzt dunkel geworden und es fiel ein starker Schnee; und wie Scrooge und der Geist durch die Straßen gingen, war der Glanz der lodernden Feuer in Küchen, Putzstuben und aller Art Gemächern wundervoll über alle Maßen. Hier zeigte die flackernde Flamme die Vorbereitungen zu einem traulichen Mahl, die heißen Teller, wie sie sich vor dem Feuer durch und durch wärmten und die dunkelroten Gardinen, bereit, Kälte und Nacht auszuschließen. Dort liefen alle Kinder des Hauses hinaus auf die beschneite Straße, ihren verheirateten Schwestern, Brüdern, Vettern, Basen, Onkeln und Tanten entgegen, um sie zuerst zu begrüßen. Hier zeigten sich an den Fenstern Schatten versammelter Gäste; und dort eine Gruppe hübscher Mädchen in Pelzkragen und Pelzstiefeln, alle zugleich redend und mit leichten Schritten in eines Nachbars Haus eilend. Wehe dem Junggesellen, der sie dort ganz glühend eintreten sah und die kleinen Hexen wussten das recht gut!

Wenn man nach der Zahl der Leute hätte urteilen wollen, die zu freundschaftlichen Besuchen eilten, hätte man glauben können, es sei niemand da, sie willkommen zu heißen. Aber anstatt dessen erwartete jedes Haus Gäste und in jedem Kamine loderte die Flamme. Wie sich der Geist freute! Wie er seine breite Brust entblößte und seine volle Hand auftat und dahinschwebte, freigebig seine heitere und harmlose Lust über alles in seinem Bereiche ausschüttend! Selbst der Laternenmann, welcher durch die dunklen Straßen rannte, um ihre trüben Nebel mit Flecken Licht zu erhellen und der bereits rausgeputzt war, um den Abend irgendwo zuzubringen, lachte laut auf, wie der Geist vorüberschwebte.

Und jetzt, ohne dass der Geist vorher etwas gesagt hätte, standen sie auf einer kahlen, öden Heide, wo ungeheure Felsblöcke umhergestreut waren, als wäre hier eine Begräbnisstätte von Riesen; und Wasser breitete sich aus, wo es nur Lust hatte – oder würde es getan haben, wenn es der Frost nicht gefangen hielt; und nichts wuchs dort, als Moos und Gestrüpp und hartes, spitziges Gras. Tief im Westen hatte die untergehende Sonne einen Streifen glühenden Rotes gelassen, der einen Augenblick auf die öde Steppe niederschaute, wie ein zürnendes Auge und immer tiefer und tiefer sank, bis er sich im Dunkel der tiefsten Nacht verlor. »Was ist das für ein Ort?« fragte Scrooge. »Ein Ort, wo Bergleute in den Tiefen der Erde arbeiten,« antwortete der Geist. »Aber sie kennen mich. Sieh!«

Ein Licht glänzte aus dem Fenster einer Hütte und sie schwebten schnell darauf zu. Hier fanden sie eine fröhliche Gesellschaft um ein wärmendes Feuer sitzen. Ein alter, alter Mann und eine greise Frau mit ihren Kindern und Enkeln und Urenkeln, alle in festlichen Kleidern. Der Alte sang mit einer Stimme, die nur selten das Heulen des Windes auf der Einöde übertönte, ein Weihnachtslied; es war schon ein sehr altes Lied gewesen, als er noch ein Knabe war; und von Zeit zu Zeit fielen sie alle im Chore ein. Und stets wie ihre Stimmen ertönten, wurde der Alte lebendig und laut; und immer, wie sie aufhörten, sank seine Kraft wieder. Der Geist verweilte hier nicht, sondern befahl Scrooge, sich an sein Gewand zu halten. Sie schwebten über die Öde, aber wohin? doch nicht aufs Meer? Aufs Meer! Zu seinem Schrecken sah Scrooge hinter sich das Land verschwinden; und sein Ohr wurde betäubt von dem Donner der Wogen, wie sie unter den grausenden Höhlen, welche sie genagt hatten, heulten und brüllten und wüteten und mit wildem Grimm die Erde zu unterwühlen trachteten.

Auf einer einsamen, halb im Wasser versunkenen Klippe, wohl eine Meile vom Lande, stand ein einsamer Leuchtturm. Das ganze öde Jahr hindurch schäumten und tosten um ihn die Wogen. Große Haufen von Seegras umgaben seinen Fuß und Sturmvögel – geboren vom Winde, konnte man glauben, wie Seegras von den Wellen – hoben sich und senkten sich um seine Spitze, wie die wogenden Wellen unten, über die sie segelten. Aber selbst hier hatten die zwei Turmwächter ein Feuer angezündet, welches durch das Guckloch in der dicken, steinernen Mauer einen hellglänzenden Streifen auf die nächtliche See hinauswarf. Die harten Hände sich über den Tisch hinreichend, an dem sie saßen, wünschten sie sich eine fröhliche Weihnacht und stießen mit den Groggläsern darauf an; und einer der beiden, der Ältere noch dazu, mit einem Gesicht von Sturm und Wetter gebräunt und gefurcht, wie das Gallionbild eines alten Schiffes, stimmte ein kräftiges Lied an, das wie ein Sturmwind schallte.

Wieder schwebte der Geist über die dunkelwogende See dahin, immer weiter und weiter, bis sie, fern von jeder Küste, wie der Geist zu Scrooge sagte, auf einem Schiffe niedersanken. Sie standen neben dem Steuermann an dem Rade, dem Ausgucker vorn, neben den Offizieren, welche die Wacht hatten. Wie dunkle, gespenstische Gestalten standen diese auf ihrem Posten, aber jeder von ihnen summte ein Weihnachtslied, oder hatte einen Weihnachtsgedanken, oder sprach leise zu seinen Kameraden von einem früheren Weihnachtsabend und heimatlichen Hoffnungen, die sich daran knüpften. Und jeder einzelne an Bord, wachend oder schlafend, gut oder schlecht, hatte an diesem Tage ein herzlicheres Wort für seine Kameraden gehabt, als an jedem andern Tag des Jahres, und wenigstens einigermaßen ihn gefeiert; und hatte an die gedacht, die sich jetzt seiner in der Ferne erinnerten und hatte gewusst, dass sie jetzt seiner freundlich gedachten. Eine große Überraschung war es für Scrooge, während er dem Stöhnen des Windes lauschte und nachdachte, wie schauerlich es doch sei, durch die öde Nacht über einen unbekannten Abgrund, der Geheimnisse barg, so tief wie der Tod, zu schiffen; eine große Überraschung war es für Scrooge, sagte ich, plötzlich ein herzliches Lachen zu vernehmen.

Noch größer war Scrooge’s Überraschung, als er darin das Lachen seines eigenen Neffen erkannte und sich in einem hellen, behaglich warmen Zimmer wiederfand, während der Geist an seiner Seite stand und mit beifälligem, mildem Lächeln auf diesen selbigen Neffen herabblickte. »Haha!« lachte Scrooge’s Neffe. »Hahaha!« Wenn durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall jemand einen Menschen kennt, der sich glücklicher fühlt, zu lachen, als Scrooge’s Neffe, so kann ich nur sagen, ich möchte ihn auch kennen. Stellt mich ihm vor und ich werde seine Freundschaft kultivieren. Es ist doch eine gerechte und schöne Anordnung, dass, wie Krankheit und Kummer ansteckend sind, auch in der ganzen weiten Welt nichts so unwiderstehlich ansteckend ist, wie Lachen und Fröhlichkeit. Wie Scrooge’s Neffe lachte und sich den Bauch hielt und mit dem Kopfe wackelte und die merkwürdigsten Gesichter schnitt, lachte Scrooge’s Nichte (durch Heirat) so herzlich wie er. Und die versammelten Freunde, nicht faul, fielen in den Lachchor ein. »Haha! Haha! Haha!« »Er sagte, Weihnachten wäre Humbug, so wahr ich lebe,« rief Scrooge’s Neffe. »Er glaubt es auch.« »Die Schande ist um so größer für ihn, Fred,« sagte Scrooge’s Nichte entrüstet. Gott segne die Frauen! Sie tun nie etwas halb. Sie sind immer in vollem Ernste.

Sie war hübsch, sehr hübsch. Sie hatte ein liebliches, schelmisches Gesicht; einen frischen kleinen Mund, der zum Küssen geschaffen schien – wie er es ohne Zweifel auch war; alle Arten lieber kleiner Grübchen um das Kinn, welche ineinander flossen, wenn sie lachte; und das sonnenhellste Paar Augen, welches je erblickt wurde. Ja, sie war reizend, liebenswürdig, hinreißend. »Er ist ein komischer alter Kerl,« sagte Scrooge’s Neffe, »das ist wahr; und nicht so angenehm, wie er sein könnte. Wie dem auch sei, seine Fehler bestrafen sich selbst und ich habe ihn nicht zu tadeln.« »Er muss sehr reich sein, Fred,« meinte Scrooge’s Nichte. »Wenigstens sagst du es immer.« »Was geht das uns an, Liebe!« sagte Scrooge’s Neffe. »Sein Reichtum nützt ihm nichts. Er tut nichts Gutes damit. Er macht sich nicht einmal selbst das Leben damit angenehm. Er hat nicht das Vergnügen, zu denken – hahaha – dass er uns am Ende damit eine Freude machen wird.« »Ich habe keine Geduld mit ihm,« bemerkte Scrooge’s Nichte. Die Schwester von Scrooge’s Nichte und all die anderen Damen waren derselben Meinung. »O, ich habe Geduld,« sagte Scrooge’s Neffe. »Mir tut er leid; ich könnte nicht bös auf ihn werden, selbst wenn ich’s versuchte. Wer leidet unter seiner bösen Laune? Er selber, weiter niemand. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, uns nicht leiden zu können und will nicht unsere Einladung zum Mittagessen annehmen. Was ist die Folge davon? Er verliert nicht viel an unserm Essen.« »Nun, ich meine, er verliert ein sehr gutes Essen,« unterbrach ihn Scrooge’s Nichte. Die anderen sagten dasselbe und man konnte ihnen die Kompetenz nicht bestreiten, weil sie eben zu essen aufgehört hatten und jetzt bei dem Dessert bei Lampenlicht um den Kamin saßen. »Nun, es freut mich, das zu hören,« sagte Scrooge’s Neffe, »weil ich kein großes Vertrauen in diese jungen Hausfrauen habe. Was sagen Sie dazu, Topper?«

Topper hatte, und das war nicht zu übersehen, ein Auge auf eine der Schwestern von Scrooge’s Nichte geworfen, denn er antwortete, ein Junggeselle sei ein unglücklicher, heimatloser Mensch, der kein Recht habe, eine Meinung über diesen Gegenstand auszusprechen; bei welchen Worten die Schwester von Scrooge’s Nichte – die Dicke mit dem Spitzenkragen, nicht die mit der Rose im Haar – rot wurde.

»Weiter, weiter, Fred!« sagte Scrooge’s Nichte, in die Hände klatschend. »Er bringt nie zu Ende, was er angefangen hat! Er ist ein so närrischer Kerl.« Scrooge’s Neffe schwelgte in einem andern Gelächter, und es war unmöglich, sich von der Ansteckung fern zu halten, obgleich die dicke Schwester es sogar mit Kräuteressig versuchte: sein Beispiel wurde einstimmig nachgeahmt. »Ich wollte nur sagen,« sagte Scrooge’s Neffe, »dass die Folge seines Missfallens an uns und seiner Weigerung, mit uns fröhlich zu sein, die ist, dass er einige angenehme Augenblicke verliert, welche ihm nicht schaden würden. Gewiss verliert er angenehmere Unterhaltung, als ihm seine eigenen Gedanken in seinem dumpfigen alten Büro oder in seiner Wohnung geben. Ich denke ihm jedes Jahr die Gelegenheit dazu zu geben, ob es ihm nun gefällt oder nicht, da ich ihn bemitleide. Er mag auf Weihnachten schimpfen, bis er stirbt, aber er muss doch endlich besser davon denken, wenn er mich jedes Jahr in guter Laune zu ihm kommen sieht, mit den Worten: Onkel Scrooge, wie befinden Sie sich? Wenn es ihm nur den Gedanken eingibt, seinem armen Diener fünfzig Pfund zu hinterlassen, so ist das doch wenigstens etwas; und ich glaube, ich berührte ihn gestern.« Es war jetzt an ihnen die Reihe zu lachen, bei dem Gedanken, dass er Scrooge berührt hätte. Aber da er durch und durch gutmütig war und sich nicht sehr darum kümmerte, über was sie lachten, wenn sie nur überhaupt lachten, so fiel er in ihre Fröhlichkeit ein und ließ die Flasche munter herum gehen.

Nach dem Tee war Musik. Denn sie waren eine musikalische Familie und wussten, was sie taten, wenn sie einen Glee oder Catch sangen, darauf könnt ihr euch verlassen, vorzüglich Topper, der den Bass brummen konnte nach Noten, ohne dass die großen Adern auf der Stirn anschwollen, oder sein Gesicht rot wurde. Scrooge’s Nichte spielte die Harfe recht gut; und spielte unter anderen Stücken auch ein kleines Liedchen (ein bloßes Nichts, ihr hättet es in zwei Minuten pfeifen gelernt), welches das Kind, von dem Scrooge aus der Schule geholt worden war, wie ihn der Geist der vergangenen Weihnachten gezeigt hatte, oft gesungen hatte. Als Scrooge dieses Liedchen hörte, trat alles, was ihm der Geist gezeigt hatte, wieder vor seine Seele; er wurde weicher und weicher und dachte, wenn er es vor Jahren oft hätte hören können, so hätte er die gemütlichen Seiten des Lebens genießen können, ohne erst zu des Totengräbers Spaten, der Jacob Marley begraben, seine Zuflucht nehmen zu müssen.

Aber sie widmeten nicht den ganzen Abend der Musik. Nach einer Weile fingen sie Pfänderspiele an, denn es ist gut zuweilen Kind zu sein und vorzüglich zu Weihnachten, da der Gründer dieses Festes selbst ein Kind war. Doch halt, erst spielten sie noch Blindekuh. Und ich glaube ebensowenig, dass Topper wirklich blind war, als ich glaube, er hätte Augen in seinen Stiefeln gehabt. Ich vermute, es war zwischen ihm und Scrooge’s Neffen abgekartet und der Geist der heurigen Weihnacht wußte es. Die Art, wie er die dicke Schwester in dem Spitzenkragen verfolgte, war eine Beleidigung der menschlichen Leichtgläubigkeit. Wo sie ging, ging er auch, die Feuereisen umstoßend, über Stühle stolpernd, an das Piano anrennend, sich in den Gardinen verwirrend. Immer wußte er, wo die dicke Schwester war. Wenn jemand gegen ihn gefallen wäre, wie einige taten, oder sich vor ihn hingestellt hätte, würde er getan haben, als bemühe er sich, ihn zu ergreifen, wäre aber augenblicklich umgekehrt, der dicken Schwester nach. Sie rief oft, das sei nicht ehrlich und wirklich war es das auch nicht. Aber endlich hatte er sie gefunden und trotz ihres Sträubens sperrte er sie in eine Ecke, wo keine Flucht möglich war; und da wurde seine Aufführung ganz abscheulich. Denn sein Vorgeben, er kenne sie nicht: er müsse ihren Kopfputz anfassen und, um sie zu erkennen, einen gewissen Ring auf ihrem Finger und eine gewisse Kette um ihren Hals befühlen, war ganz, ganz abscheulich! Und gewiss sagte sie ihm auch ihre Meinung darüber, denn als ein anderer Blinder an der Reihe war, waren sie hinter den Gardinen sehr vertraut miteinander.

Scrooge’s Nichte nahm nicht an dem Blindekuhspiele teil, sondern saß gemütlich in einer traulichen Ecke in einem Lehnstuhl mit einem Fußbänkchen, und der Geist und Scrooge standen dicht hinter ihr. Aber Pfänder spielte sie mit und liebte ihre Liebe mit allen Buchstaben des Alphabets zur Bewunderung. Auch in dem Spiele: Wie, wenn und wo, war sie sehr stark und stellte zur geheimen Freude von Scrooge’s Neffen ihre Schwestern gar sehr in Schatten, obgleich sie auch ganz gescheite Mädchen waren, wie uns Topper hätte sagen können. Es mochten ungefähr zwanzig Personen da sein, junge und alte, aber sie spielten alle und auch Scrooge spielte mit; denn in seiner Teilnahme an dem Geschehenen ganz vergessend, dass ihnen seine Stimme nicht hörbar war, sagte er oft seine Antwort auf die Fragen ganz laut und riet auch oft ganz richtig. Dem Geiste gefiel es sehr, ihn in dieser Laune zu sehen und er blickte ihn so freundlich an, dass Scrooge wie ein Knabe ihn bat, noch warten zu dürfen, bis die Gäste fortgingen. Aber der Geist sagte, dies könne nicht geschehen!

»Es fängt ein neues Spiel an,« sagte Scrooge. »Nur eine einzige halbe Stunde, Geist.« Es war ein Spiel, was man Ja und Nein nennt, wo Scrooge’s Neffe sich etwas zu denken hatte und die anderen erraten mussten: was; auf ihre Fragen durfte er bloß mit Ja oder Nein antworten. Was immer auch zutraf. Die schnell aufeinander folgenden Fragen, die ihm vorgelegt wurden, stellten heraus, dass er sich ein Tier dachte, ein lebendiges Tier, ein hässliches Tier, ein wildes Tier, ein Tier, das zuweilen brummte und zuweilen sprach und in London sich aufhielt und in den Straßen herumlief und nicht für Geld gezeigt und nicht herumgeführt würde und nicht in einer Menagerie sei und nicht geschlachtet werde, und weder ein Pferd, noch ein Esel, noch eine Kuh, noch ein Ochs, noch ein Tiger, noch ein Hund, noch ein Schwein, noch eine Katze, noch ein Bär sei. Bei jeder neuen Frage, die ihm gestellt wurde, brach Scrooge’s Neffe von neuem in ein Gelächter aus und konnte gar nicht wieder heraus kommen, so dass er vom Sofa aufstehen und mit den Füßen stampfen musste. Endlich rief die dicke Schwester mit einem ebenso unauslöschlichen Gelächter: »Ich habe es, ich weiß es, Fred, ich weiß es.« »Was ist es?« rief Fred. »Es ist Onkel Scrooge.« Und der war es auch. Bewunderung war das allgemeine Gefühl, obgleich einige meinten, die Frage: ist es ein Bär? hätte müssen mit Ja beantwortet werden, denn eine verneinende Antwort sei schon hinreichend gewesen, ihre Gedanken von Scrooge abzubringen, selbst wenn sie auf dem Wege zu ihm gewesen wären. »Nun, er hat uns Freude genug gemacht,« sagte Fred, »und so wäre es undankbar, nicht seine Gesundheit zu trinken. Hier ist ein Glas Glühwein dazu bereit. Es lebe Onkel Scrooge!« »Es lebe Onkel Scrooge!« riefen sie alle. »Eine fröhliche Weihnacht und ein glückliches Neujahr dem Alten, wie auch immer er sein möge!« sagte Scrooge’s Neffe. »Er wollte den Wunsch nicht von mir annehmen, aber er soll ihn doch haben.«

Onkel Scrooge war unmerklich so fröhlich und leichtherzig geworden, dass er der von seiner Gegenwart nichts wissenden Gesellschaft ihren Toast erwidert und ihr mit einer unhörbaren Rede gedankt haben würde, wenn der Geist ihm Zeit gelassen hätte. Aber alles verschwand in dem Hauche vom letzten Worte des Neffen und er und der Geist waren wieder unterwegs. Sie gingen weit und sahen viel und besuchten manchen Herd, aber immer spendeten sie Glück. Der Geist stand neben Kranken, und sie wurden heiter und hoffend; neben Wandernden in fernen Ländern und sie träumten von der Heimat; neben solchen, die mit dem Leben rangen, und sie harrten geduldig aus; neben Armen, und sie waren reich. Im Armenhause und im Lazarette, im Kerker und in jedem Zufluchtsorte des Jammers, wo der Mensch in seiner kurzen ärmlichen Herrschaft dem Geiste die Tür verschlossen hatte, spendete er seinen Segen und lehrte Scrooge seine Weise.

Es war eine lange Nacht, wenn es nur eine Nacht war; aber Scrooge zweifelte daran, denn die Weihnachtsfeiertage schienen in die Zeit, die sie miteinander zubrachten, zusammengedrängt zu sein. Es war auch sonderbar, dass während Scrooge äußerlich ganz unverändert blieb, der Geist offenbar älter wurde. Scrooge hatte diese Veränderung bemerkt, aber sprach nie davon, bis sie von einer Kinderweihnachtsgesellschaft weggingen, wo er bemerkte, dass des Geistes Haar grau geworden war. »Ist das Leben der Geister so kurz?« fragte Scrooge. »Mein Leben auf dieser Erde ist sehr kurz,« sagte der Geist, »es endet noch diese Nacht.« »Diese Nacht noch!« rief Scrooge. »Heute um Mitternacht. Horch, die Zeit nahet.« Die Glocke schlug Viertel auf Zwölf. »Vergib mir, wenn ich nicht recht tue, zu fragen,« sagte jetzt Scrooge, scharf auf des Geistes Gewand blickend, »aber ich sehe etwas Seltsames, was nicht zu dir gehört, unter deinem Mantel hervorblicken. Ist es ein Fuß oder eine Klaue?« »Nach dem wenigen Fleisch, was darauf ist, könnte es wohl eine Klaue sein,« gab der Geist traurig zur Antwort. »Sieh hier.« Aus den weiten Falten seines Gewandes hervor erschienen jetzt zwei Kinder: elend, abgemagert, hässlich und jammererregend. Sie knieten vor ihm nieder und hielten sich fest an den Saum seines Gewandes.

»O, Mensch, sieh hier. Sieh hier, sieh hier!« rief der Geist. Es war ein Knabe und ein Mädchen. Gelb, elend, zerlumpt und mit wildem, tückischem Blick; aber doch demütig. Wo die Schönheit der Jugend ihre Züge hätte füllen und mit ihren frischesten Farben kleiden sollen, hatte eine runzlige, abgelebte Hand, gleich der des Alters, sie berührt und versehrt. Wo Engel hätten thronen können, lauerten Teufel mit grimmigem, drohendem Blick. Keine Veränderung, keine Entwürdigung der Menschheit in allen Geheimnissen der Schöpfung hat so schreckliche und grauenerregende Ungeheuer aufzuweisen.

Scrooge fuhr entsetzt zurück. Da sie ihm der Geist auf diese Weise gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wären schöne Kinder, aber die Worte erstickten sich selbst, um nicht teilzuhaben an einer so ungeheuren Lüge. »Geist, sind das deine Kinder?« Scrooge konnte weiter nichts sagen. »Es sind des Menschen Kinder,« sagte der Geist, auf sie herabschauend. »Und sie hängen sich an mich, vor mir ihre Väter anklagend. Dieses Mädchen ist die Unwissenheit. Dieser Knabe ist der Mangel. Nimm sie beide wohl in acht, aber vor allem diesen Knaben, denn auf seiner Stirn seh ich geschrieben, was Verhängnis ist, wenn die Schrift nicht verlöscht wird. Leugnet es,« rief der Geist, seine Hand nach der Stadt ausstreckend. »Verleumdet die, welche es euch sagen! Gebt es zu um eurer Parteizwecke willen und macht es noch schlimmer! Und erwartet das Ende!« »Haben sie keine Stütze, keinen Zufluchtsort?« rief Scrooge. »Gibt es keine Gefängnisse?« sagte der Geist, das letzte Mal seine eigenen Worte gegen ihn gebrauchend. »Gibt es keine Armenhäuser?« Die Glocke schlug Zwölf. Scrooge sah sich nach dem Geiste um, aber er war verschwunden.

Wie der letzte Schlag verklungen war, erinnerte er sich an die Vorhersagung des alten Jacob Marley und die Augen erhebend, sah er eine ehrwürdige Gestalt, tief verhüllt unter einer dunklen Kapuze, auf sich zukommen, wie Nebel der den Boden entlang schleicht.

Kapitel Vier

Der letzte der drei Geister

Die Gestalt kam langsam, feierlich und schweigend auf ihn zu. Als sie näher gekommen war, fiel Scrooge auf die Knie nieder, denn selbst die Luft, durch die sich der Geist bewegte, schien geheimnisvolles Grauen zu verbreiten. Sie war in einen schwarzen, weiten Mantel verhüllt, der nichts von ihr sichtbar ließ, als eine ausgestreckte Hand. Wenn diese nicht gewesen wäre, würde es schwer gewesen sein, sie von der Nacht zu trennen, welche sie umgab. Als sie neben ihm stand, fühlte er, dass sie groß und stattlich war und dass ihre geheimnisvolle Gegenwart ihn mit einem feierlichen Grauen erfüllte. Er wußte weiter nichts, denn der Geist sprach und bewegte sich nicht. »Ich stehe vor dem Geiste der zukünftigen Weihnachten?« fragte Scrooge. Der Geist antwortete nicht, sondern wies mit der Hand auf die Erde. »Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, welche nicht geschehen sind, aber geschehen werden,« fuhr Scrooge fort. »Willst du das, Geist?« Der obere Teil des Gewands legte sich für einen Augenblick in Falten, als ob der Geist sein Haupt neigte; dies war die einzige Antwort, welche Scrooge erhielt.

Obgleich so ziemlich an gespenstische Gesellschaft gewöhnt, fürchtete sich Scrooge vor der stummen Erscheinung doch so sehr, dass seine Knie wankten und er kaum noch stehen konnte, als er sich bereit machte, ihr zu folgen. Der Geist stand für einen Augenblick still, als bemerkte er seine Furcht und wollte ihm Zeit geben, sich zu erholen. Aber Scrooge befand sich dadurch noch schlechter. Ein vages, unbestimmtes Grausen durchbebte ihn bei dem Gedanken, hinter diesem schwarzen Schleier hefteten sich gespenstische Augen fest auf ihn, während er, obgleich er seine Augen aufs äußerste anstrengte, doch nichts sehen konnte als eine gespenstische Hand und eine große, schwarze Faltenmasse.

»Geist der Zukunft,« rief er, »ich fürchte dich mehr als die Geister, die ich schon gesehen habe. Aber da ich weiß, dass es dein Zweck ist, mir Gutes zu tun, und da ich hoffe zu leben, um ein anderer Mensch zu werden, als ich früher war, bin ich bereit, dich zu begleiten und tue es mit einem dankerfüllten Herzen. Willst du nicht zu mir sprechen?« Die Gestalt gab ihm keine Antwort. Die Hand wies gerade in die Ferne vor ihn. »Führe mich,« sagte Scrooge. »Führe mich, die Nacht schwindet schnell und die Zeit ist kostbar für mich. Führe mich, Geist.« Die Gestalt bewegte sich von ihm weg, wie sie auf ihn zugekommen war. Scrooge folgte dem Schatten ihres Gewandes, welcher, schien es ihm, ihn erhob und von dannen trug.

Kaum war es, als ob sie in die Stadt träten; denn die Stadt schien mehr rings um sie in die Höhe zu wachsen und sie zu umstellen. Aber sie waren doch im Herzen derselben, an der Börse unter den Kaufleuten, welche hin und her eilten, mit dem Gelde in ihren Taschen klimperten, in Gruppen miteinander sprachen, nach der Uhr blickten und gedankenvoll mit den großen, goldenen Siegeln daran spielten, wie Scrooge es oft gesehen hatte. Der Geist blieb bei einer Gruppe Kaufleute stehen. Scrooge sah, dass die Hand der Gestalt darauf hinwies, und so näherte er sich ihnen, um ihr Gespräch zu belauschen.

»Nein,« sagte ein großer, dicker Mann mit einem ungeheuern Kinn, »ich weiß nicht viel davon zu sagen. Ich weiß nur, dass er tot ist.« »Wann starb er?« fragte ein anderer. »Vorige Nacht, glaub ich.« »Warum, was war los mit ihm?« fragte ein Dritter, eine große Prise aus einer sehr großen Dose nehmend. »Ich glaubte, er würde nie sterben.« »Weiß Gott,« sagte der Erste gähnend. »Was hat er mit seinem Gelde angefangen?« fragte ein Herr mit einem roten Gesicht und einem Auswuchs an der Nasenspitze, welcher wackelte, wie der Lappen eines Truthahns. »Ich habe nichts davon gehört,« sagte der Mann mit dem großen Kinn, abermals gähnend. »Hat es wahrscheinlich seiner Gilde hinterlassen. Mir hat er’s jedenfalls nicht vermacht. Das weiß ich.« Dieser anmutige Scherz wurde mit einem allgemeinen Gelächter aufgenommen. »Es wird wohl ein sehr billiges Begräbnis werden,« fuhr derselbe Sprecher fort; »denn so wahr ich lebe, ich kenne niemand, der hingehen sollte. Wenn wir nun zusammenträten und freiwillig hingingen?« »Ich habe nichts dagegen zu gehen, wenn für Lunch gesorgt wird,« bemerkte der Herr mit der Wucherung an der Nasenspitze. »Aber ich muss traktiert werden, wenn ich dabei sein soll.« Ein neues Gelächter. »Nun da bin ich doch wohl der Uneigennützigste von euch,« sagte der erste Sprecher, »denn ich trage nie schwarze Handschuhe und esse nie Lunch. Aber ich gehe mit, wenn sich noch andere finden. Wenn ich mir’s recht überlege, war ich am Ende sein vertrautester Freund; denn wir blieben stehen und sprachen miteinander, wenn wir uns auf der Straße trafen. Guten Morgen, guten Morgen!« Sprecher und Zuhörer gingen fort und mischten sich unter andere Gruppen. Scrooge kannte die Leute und sah den Geist mit einem fragenden Blicke an.

Die Gestalt schwebte weiter auf die Straße. Ihre Hand wies auf zwei sich begegnende Personen. Scrooge hörte wieder zu, in der Hoffnung, hier die Erklärung zu finden. Auch diese Leute kannte er recht gut. Es waren Kaufleute, sehr reich und von großem Ansehen. Er hatte sich immer bestrebt, sich in ihrer Achtung zu erhalten, das heißt in Geschäftssachen, bloß in Geschäftssachen. »Wie geht’s?« sagte der eine. »Wie geht’s Ihnen?« sagte der andere. »Gut,« sagte der Erste. »Der alte Geizhals hat wohl endlich seinen letzten Atemzug gemacht, was?.« »So wurde es mir zugetragen,« erwiderte der Zweite. »’s ist kalt, nicht?« »Wie sich’s zu Weihnachten passt. Sie sind wohl kein Schlittschuhläufer?« »Nein, nein. Habe an andere Sachen zu denken. Guten Morgen!« Kein Wort weiter. So trafen sie sich, so schieden sie. Scrooge war erst zu staunen geneigt, dass der Geist auf anscheinend so unbedeutende Gespräche ein Gewicht zu legen schien; aber sein Gefühl sagte ihm, dass sie eine verborgene Bedeutung haben müssten und er dachte nach, was wohl diese sein möge. Sie konnten sich nicht auf den Tod Jacobs, seines alten Kompagnons, beziehen, denn der gehörte der Vergangenheit an, und sein Führer war der Geist der Zukunft. Auch konnte er sich niemand von den ihn näher Angehenden denken, auf den er sie hätte beziehen können. Aber in der Gewissheit, dass, auf wen sie sich auch beziehen möchten, doch für ihn eine wichtige Lehre darin liege, beschloss er, jedes Wort, das er hörte und jede Szene, die er sah, treu in seinem Herzen aufzubewahren, und vorzüglich seinen Schatten zu beobachten, wenn er erschien. Denn er erwartete vom Benehmen seines zukünftigen Selbst die vermisste Aufklärung und die Lösung der Rätsel, die ihm jetzt so schwierig schien.

Schon an der Börse schaute er sich nach seinem Selbst um; aber ein anderer stand in seiner gewohnten Ecke und obgleich die Uhr auf die Stunde wies, wo er gewöhnlich dort war, sah er sich doch auch nicht unter den Scharen, welche durch den Eingang sich herein drängten. Das überraschte ihn jedoch wenig, denn er hatte schon lange daran gedacht, sein Geschäft aufzugeben und glaubte und hoffte, in diesen Erscheinungen die künftige Verwirklichung seines Planes zu sehen. Reglos und schwarz stand neben ihm das Gespenst mit seiner ausgestreckten Hand. Als er wieder von seiner nachdenklichen Stellung aufblickte, glaubte er nach der Richtung der Hand, dass die unsichtbaren Augen sich starr auf ihn hefteten. Bei dem Gedanken überlief ihn ein kalter Schauer.

Sie verließen die geschäftige Umgebung und gingen in einen abgelegenen Teil der Stadt, wo Scrooge nie vorher gewesen war, dessen Lage und schlechten Ruf er aber kannte. Die Straßen waren schmutzig und eng und krumm; die Läden und Häuser ärmlich; die Menschen halbnackt, betrunken, barfuß, hässlich. Gässchen und Torwege, wie ebensoviele Kloaken, strömten abscheuerregende Gerüche und Schmutz und Menschen in die Straßen; und das ganze Viertel schien erfüllt von Verbrechen, von Schmutz und von Elend. In einem der tiefsten Winkel dieses Zufluchtsortes der Sünde und der Schmach war ein niedriger, dunkler Laden unter einem Wetterdache, wo Eisen, Lampen, Flaschen, Knochen und schmierige Abfälle aller Art verkauft wurden. Auf dem Fußboden drinnen lag ein Haufen verrosteter Schlüssel, Nägel, Ketten, Türangeln, Feilen, Wagen, Gewichte und altes Eisen aller Art. Geheimnisse, nach deren Enträtselung wenige verlangen würden, wurden erzeugt und verborgen in Bergen widriger Lumpen, Massen verdorbenen Fettes und ganzen Gräbern von Knochen.

Mitten unter den Waren, mit denen er handelte, saß neben einem aus alten Ziegeln zusammengesetzten Ofen ein grauhaariger, fast siebzigjähriger Schelm, der sich vor der Kälte draußen durch einen bauschigen Vorhang von allerlei Lumpen, auf eine Leine gehängt, geschützt hatte und seine Pfeife im Vollgenusse des Behagens rauchte.

Scrooge und die Gestalt traten neben diesen Mann, gerade wie eine Frau mit einem schweren Bündel in den Laden schlich. Aber sie war kaum eingetreten, als eine zweite Frau, auch mit einem Bündel, ihr nachkam; und auf diese folgte dicht ein Mann in altem, abgetragenem schwarzen Anzug, der nicht weniger von ihrem Anblick erschrocken war, als sie vor einander erschrocken waren. Nach einigen Augenblicken sprachlosen Staunens, an dem der Alte mit der Pfeife teilgenommen hatte, brachen sie alle drei in ein lautes Gelächter aus.

»Lasst die Putzfrau die Erste sein,« sagte die zuerst Eingetretene. »Lasst die Wäscherin die Zweite sein; und lasst des Leichenbestatters Gehilfen den Dritten sein. Schau, alter Joe, wie sich das fügt! Ob wir uns nicht alle drei hier getroffen haben, ohne dass wir’s wollten.« »Ihr hättet euch an keinem besseren Ort treffen können,« sagte der alte Joe, die Pfeife aus dem Munde nehmend. »Kommt rein in die gute Stube. Ihr habt hier schon seit langem das Bürgerrecht, das wisst ihr; und die anderen zwei sind auch keine Fremden. Wartet, bis ich die Ladentür zugemacht habe. O, wie sie knarrt! Ich glaube, es gibt kein so rostiges Stück Eisen in dem ganzen Laden, als die Türangeln; und ich weiß, es gibt keine so alten Knochen hier, wie meine. Haha, wir passen alle zu unserm Geschäft. Komm rein. Kommt rein.« Sie betraten den Raum hinter dem Lumpenvorhang. Der Alte scharrte das Feuer mit einer alten Treppenläuferstange zusammen, schob den Docht seiner rauchigen Lampe, denn es war Abend, mit dem Stiele seiner Pfeife in die Höhe und steckte diese wieder in den Mund. Während er so beschäftigt war, warf die zuerst eingetretene Frau ihr Bündel auf den Boden und setzte sich mit kokettierender Frechheit auf einen Stuhl, dann legte sie die Hände auf die Knie und sah die beiden andern mit kühnem Trotz an. »Nun, was macht das schon, Mrs. Dilber? Jeder hat das Recht, für sich zu sorgen. Er tat es immer.« »Das ist wahr,« sagte die Wäscherin. »Keiner tat es mehr.« »Nun, warum guckt ihr euch da einander an, als fürchtetet ihr euch? Wer ist der Klügere? Wir wollen doch nicht einander die Augen aushacken, denk ich!« »Nein, gewiss nicht,« sagten Mrs. Dilber und der Mann zusammen. »Wir wollen es nicht hoffen.« »Nun gut denn,« rief die Frau, »das ist genug. Wem schadet’s, wenn wir so ein paar Sachen mitnehmen, wie die hier? Einer Leiche gewiss nicht!« »Nein, gewiss nicht,« sagte Mrs. Dilber lachend. »Wenn er sie, wie ein alter Geizhals, noch nach dem Tode behalten wollte,« fuhr die Frau fort, »warum war er während seines Lebens nicht besser? Wenn er’s gewesen wäre, würde jemand um ihn gewesen sein, als er starb, statt dass er allein seinen letzten Atem fahren lassen musste.« »Es ist das wahrste Wort, was je gesprochen worden,« sagte Mrs. Dilber. »Es ist ein Gottesgericht.« »Ich wollte, es wäre ein bisschen schwerer ausgefallen,« sagte die Frau; »und es wär’s auch, verlasst euch drauf, wenn ich mehr hätte kriegen können. Mache das Bündel auf, Joe, und sag mir, was es wert ist. Sprich gerade heraus. Ich fürchte mich nicht, die Erste zu sein, noch es ihnen sehen zu lassen. Wir wussten gut genug, dass wir für uns sorgten, ehe wir uns hier trafen. ’s ist keine Sünde. Mach das Bündel auf, Joe.«

Aber die Galanterie ihrer Freunde wollte das nicht erlauben; und der Mann in dem abgetragenen schwarzen Rock brachte seine Beute zuerst. Sie war nicht besonders umfangreich. Ein oder zwei Siegel, ein silberner Bleistift, ein paar Hemdknöpfe und eine Brosche von geringem Werte, war alles. Sie wurden vom alten Joe einzeln untersucht und abgeschätzt, worauf er die Summe, welche er für jedes bezahlen wollte, an die Wand schrieb und zusammenrechnete, wie er befand, dass das alles war. »Das ist Eure Rechnung,« sagte Joe, »und ich gebe keinen Sixpence mehr und wenn ich in Stücke gehauen werden sollte. Wer kommt jetzt?« Mrs. Dilber war die Nächste. Sie hatte Bett- und Handtücher, einige Kleidungsstücke, zwei altmodische silberne Teelöffel, eine Zuckerzange und einige Paar Stiefel. Ihre Rechnung wurde auf dieselbe Weise an die Wand geschrieben. »Damen gebe ich immer zu viel. ’s ist meine Schwäche und ich richte mich damit zu Grunde,« sagte der alte Joe. »Das ist Eure Rechnung. Wenn Ihr einen Pfennig mehr haben wolltet und ließet es darauf ankommen, so täte es mir leid, so freigebig gewesen zu sein und ich zöge eine halbe Krone ab.« »Und nun mach mein Bündel auf, Joe,« sagte die Erste. Joe kniete nieder, um bequemer das Bündel öffnen zu können, und nachdem er eine große Menge Knoten aufgemacht hatte, zog er eine große und schwere Rolle eines dunklen Zeugs heraus. »Was ist das?« sagte Joe. »Bettgardinen.« »Ach,« rief das Weib lachend und sich vorbeugend, »Bettgardinen!« »Ihr wollt doch nicht sagen, Ihr hättet sie runter genommen, wie er dort lag?« sagte Joe. »I, freilich,« sagte das Weib. »Warum nicht?« »Ihr seid geboren, Euer Glück zu machen, und Ihr werdet’s auch.«

»Ich werde doch wahrhaftig meine Hand nicht ruhig einstecken, wenn ich sie nur auszustrecken brauche, um was zu kriegen, um so eines Mannes willen, wie der war. Wahrhaftig nicht, Joe,« antwortete das Weib ruhig. »Lasst kein Öl auf die Bettdecken fallen.« »Seine Bettdecke?« fragte Joe. »Von wem soll sie denn sonst sein?« antwortete das Weib. »Er wird auch ohne dies nicht frieren, das behaupte ich.« »Er starb doch nicht etwa an etwas Ansteckendem?« sagte der alte Joe, seine Beschäftigung unterbrechend und sie anblickend. »Das braucht Ihr nicht zu befürchten,« antwortete die Frau. »Ich hatte ihn nicht so lieb, dass ich dann bei ihm geblieben wäre um solcher Sachen willen. Ha, Ihr könnt durch das Hemd gucken, bis Euch Eure Augen weh tun; Ihr findet kein Loch drin und keine dünne Stelle. Es ist das beste, was er hatte, und fein ist’s auch. Sie hätten’s vergeudet, wenn ich nicht gewesen wäre.« »Was nennt Ihr, es vergeuden?« fragte der alte Joe. »Nun, ihm das Hemd ins Grab anziehen, was sonst?« erwiderte die Frau lachend. »Es war jemand Narr genug, es ihm anzuziehen, aber ich zog’s ihm wieder aus. Wenn Kattun zu so etwas nicht gut genug ist, weiß ich nicht, zu was er sonst gut wäre. Es steht einer Leiche ebenso gut. Er kann nicht hässlicher aussehen, als er in dem aussah.« Scrooge hörte das Gespräch mit Grausen an. Wie sie da um ihren Raub herum in dem kärglichen Licht der Lampe des Alten saßen, betrachtete er sie mit einem Ekel und einem Abscheu, der nicht größer hätte sein können, wenn es scheußliche Dämonen gewesen wären, die um die Leiche selbst feilschten. »Ha, ha!« lachte dieselbe Frau, als der alte Joe, einen alten flanellen Geldbeutel herausholte, jedem den Preis des Raubes auf den Fußboden hinzählte. »Das ist das Ende von der Geschichte, seht ihr! Er scheuchte jeden von sich, so lange er lebte, um uns zu nützen, da er tot ist! Ha, ha, ha!«

»Geist,« sagte Scrooge, vom Fuß bis zum Scheitel zitternd. »Ich verstehe dich. Das Los dieses Unglücklichen könnte das meinige sein. Mein Leben geht jetzt auf dieses Ziel zu. Gnädiger Himmel, was ist das?« Er fuhr entsetzt zurück, denn die Szene hatte sich geändert und er stand dicht vor einem Bett, einem einsamen, unverhangenen Bett, wo unter einer zerlumpten Decke etwas Verhülltes lag, was, obgleich es stumm war, sich doch mit einer grauenerregenden Sprache ankündigte. Das Zimmer war sehr finster, zu finster, um etwas genau erkennen zu können, obgleich Scrooge, einem geheimen Gefühle gehorchend, sich umschaute, voll Begier, zu wissen, was für ein Zimmer es sei. Ein bleiches Licht, welches von draußen kam, fiel gerade auf das Bett; und auf diesem, geplündert und beraubt, unbewacht und unbeweint, lag die Leiche dieses Mannes.

Scrooge blickte die Gestalt an. Ihre reglose Hand wies auf das Haupt des Leichnams. Die Decke war so sorglos zurecht gelegt, dass das geringste Verschieben, die leiseste Berührung von Scrooge’s Finger das Antlitz enthüllt hätte. Er dachte daran, fühlte, wie leicht es geschehen könnte, und sehnte sich, es zu tun; aber er hatte nicht mehr Macht, die Hülle wegzuziehen, als den Geist an seiner Seite zu entlassen. O, kalter, starrer, schrecklicher Tod, hier richte deinen Altar auf und umgib ihn mit den Schrecken, die dir zu Gebote stehen: denn dies ist dein Reich! Aber dem geliebten und verehrten Haupt kannst du kein Haar krümmen, von ihm kannst du keinen Zug widerlich machen. Nicht weil die Hand schwer ist und herabsinkt, wenn man sie fallen lässt, nicht, weil das Herz und der Puls schweigen; sondern weil die Hand offen war und barmherzig, weil das Herz offen war und warm und gut und der Puls ein menschlicher. Töte, Schatten, töte! Und sieh, wie seine guten Taten aus der Todeswunde hervorströmen, um in der Welt unsterbliches Leben zu sehen.

Keine Stimme flüsterte diese Worte in Scrooge’s Ohren, aber doch hörte er sie, wie er auf das Bett blickte. Er dachte, wenn dieser Mann jetzt wieder erweckt werden könnte, was würde wohl sein erster Gedanke sein? Geiz, Hartherzigkeit, habgierige Sorge. Ein schönes Ziel haben sie ihm bereitet! Er lag in dem dunklen leeren Haus und kein Mann, oder Weib, oder Kind war da, um zu sagen, er war nett zu mir hier und da, und dieses einen freundlichen Wortes gedenkend, will ich ihm gegenüber freundlich sein. Eine Katze kratzte an der Tür und die Ratten nagten und raschelten unter dem Kamin. Was sie in dem Gemach des Todes wollten und warum sie so unruhig waren, wagte Scrooge nicht auszudenken.

»Geist,« sagte er, »dies ist ein schrecklicher Ort. Wenn ich ihn verlasse, werde ich nicht seine Lehre vergessen, glaube mir. Lass uns gehen.« Immer noch wies der Geist mit reglosem Finger auf das Haupt der Leiche. »Ich verstehe dich,« antwortete Scrooge, »und ich täte es, wenn ich könnte. Aber ich habe die Kraft nicht dazu, Geist. Ich habe die Kraft nicht dazu.« Wieder schien der Geist ihn anzublicken. »Wenn irgend jemand in der Stadt ist, der bei dieses Mannes Tod etwas fühlt,« sagte Scrooge erschüttert, »so zeige mir ihn, Geist, ich flehe dich darum an.«

Die Gestalt breitete ihren dunklen Mantel einen Augenblick vor ihm aus wie einen Flügel; und wie sie ihn wieder wegzog, sah er ein taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren Kindern befand. Sie hoffte auf jemandes Kommen in angstvoller Erwartung; denn sie ging im Zimmer auf und ab: erschrak bei jedem Geräusch; sah zum Fenster hinaus; blickte nach der Uhr; versuchte vergebens zu arbeiten; und konnte kaum die Stimmen der spielenden Kinder ertragen.

Endlich hörte sie das langersehnte Klopfen an der Haustür und traf, als sie hinaussehen wollte, ihren Gatten. Sein Gesicht war bekümmert und niedergeschlagen, obgleich er noch jung war. Es zeigte sich jetzt ein merkwürdiger Ausdruck in demselben, eine Art ernster Freude, deren er sich schämte und die er sich zu unterdrücken bemühte. Er setzte sich zum Essen nieder, das man ihm am Feuer aufgehoben hatte; und als sie ihn erst nach langem Schweigen fragte, was er für Nachrichten bringe, schien er um die Antwort verlegen zu sein. »Sind sie gut,« sagte sie, »oder schlecht?« »Schlecht,« antwortete er. »Wir sind ganz zu Grunde gerichtet?« »Nein, noch ist Hoffnung vorhanden, Karoline.« »Wenn er sich erweichen lässt,« rief sie erstaunt, »dann ist noch welche da! Überall ist noch Hoffnung, wenn ein solches Wunder geschehen ist.« »Für ihn ist es zu spät, sich zu erbarmen,« sagte der Gatte. »Er ist tot!« Wenn ihr Gesicht Wahrheit sprach, so war sie ein mildes und geduldiges Wesen; aber sie war dankbar dafür in ihrem Herzen und sagte es mit gefalteten Händen. Sie bat im nächsten Augenblick Gott, dass er ihr verzeihen möge und bereute es; aber das erste war die Stimme ihres Herzens gewesen. »Was mir die halbbetrunkene Frau gestern Abend sagte, als ich ihn sprechen und um eine Woche Aufschub bitten wollte; und was ich nur für eine bloße Entschuldigung hielt, um mich abzuweisen, zeigt sich jetzt als die reine Wahrheit. Er war nicht nur sehr krank, er lag schon im Sterben.« »Auf wen wird unsere Schuld übergehen?« »Ich weiß es nicht. Aber vor dieser Zeit noch werden wir das Geld haben; und selbst, wenn dies nicht wäre, wäre es ein großes Missgeschick in seinem Erben einen so unbarmherzigen Gläubiger zu finden. Wir können heute Nacht mit leichterem Herzen schlafen, Karoline.« Ja, sie mochten es verhehlen, wie sie wollten, ihre Herzen waren leichter. Die Gesichter der Kinder, welche sich still um sie drängten, um zu hören, was sie so wenig verstanden, erhellten sich und alle wurden glücklicher durch dieses Mannes Tod. Das einzige von diesem Ereignis erregte Gefühl, welches ihm der Geist zeigen konnte, war eins der Freude. »Lass mich ein zärtliches, mit dem Tode verbundenes Gefühl sehen,« sagte Scrooge, »oder dies dunkle Zimmer, welches wir eben verlassen haben, wird mir immer vor Augen bleiben.« Der Geist führte ihn durch mehrere Straßen, durch die er oft gegangen war; und wie sie vorüber schwebten, hoffte Scrooge sich hier und da zu erblicken, aber nirgends war er zu sehen. Sie traten in Bob Cratchit’s Haus, dieselbe Wohnung, die sie schon früher besucht hatten, und fanden die Mutter und die Kinder um das Feuer sitzen. Alles war ruhig, alles war still, sehr still. Die lärmenden kleinen Cratchits saßen stumm, wie steinerne Bilder, in einer Ecke und sahen auf Peter, der ein Buch vor sich hatte. Die Mutter und die Töchter nähten. Aber gewiss waren sie auch still, sehr still. »Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte.« Wo hatte Scrooge diese Worte gehört? Der Knabe musste sie gelesen haben, als er und der Geist über die Schwelle traten. Warum fuhr er nicht fort?

Die Mutter legte ihre Arbeit auf den Tisch und fuhr mit der Hand nach dem Auge. »Die Farbe blendet mich,« sagte sie. Die Farbe? ach, der arme Tiny Tim! »Sie sind jetzt wieder besser,« sagte Cratchit’s Frau. »Die Farbe blendet sie bei Kerzenlicht und ich möchte den Vater, wenn er heimkommt, nicht sehen lassen, dass ich schwache Augen habe. Es muss bald seine Zeit sein.« »Fast schon vorüber,« erwiderte Peter, das Buch schließend. »Aber ich glaube, er geht jetzt ein wenig langsamer als gewöhnlich, Mutter.« Sie waren wieder sehr still. Endlich sagte sie mit einer ruhigen, heitern Stimme, die nur ein einziges Mal zitterte: »Ich weiß, dass er mit – ich weiß, dass er mit Tiny Tim auf der Schulter sehr schnell ging.« »Und ich auch,« rief Peter. »Oft.« »Und ich auch,« riefen die andern. »Aber er war sehr leicht zu tragen,« fing sie wieder an, fest auf ihre Arbeit konzentriert, »und der Vater liebte ihn so sehr, dass es keine Mühe war: keine Mühe. Und da kommt euer Vater.« Sie eilte ihm entgegen und Bob mit dem Schal – er hatte ihn nötig, der arme Kerl – trat herein. Sein Tee stand bereit und sie drängten sich alle herbei, wer ihm am meisten helfen könne. Dann kletterten die beiden kleinen Cratchits auf seine Knie und jedes Kind legte eine kleine Wange an die seine, als wollten sie sagen: kümmere dich nicht so sehr, Vater. Bob war sehr heiter und sprach sehr munter mit der ganzen Familie. Er besah die Arbeit auf dem Tische und lobte den Fleiß und den Eifer seiner Frau und Töchter. »Sie würden lange vor Sonntag fertig sein,« sagte er. »Sonntag! Du warst also heute dort, Robert!« sagte seine Frau. »Ja, meine Liebe,« antwortete Bob. »Ich wollte, du hättest hingehen können. Es würde dein Herz erfreut haben, zu sehen, wie grün die Stelle ist. Aber du wirst sie oft sehen. Ich versprach ihm, Sonntags hinzugehen. Mein liebes, liebes Kind!« weinte Bob. »Mein liebes Kind!« Er brach auf einmal zusammen. Er konnte nicht dafür. Wenn er dafür gekonnt hätte, so wäre er und sein Kind wohl weiter voneinander getrennt gewesen.

Er verließ das Zimmer und ging die Treppe hinauf in ein Zimmer, welches hell erleuchtet und in Weihnachten gehüllt war. Ein Stuhl stand dicht neben dem Kinde und man sah, dass vor kurzem jemand dagewesen war. Der arme Bob setzte sich nieder, und als er ein wenig nachgedacht und sich gefasst hatte, küsste er das kleine, kalte Gesicht. Er war versöhnt mit dem Geschehenen und ging wieder hinunter ganz glücklich.

Sie setzten sich um das Feuer und unterhielten sich; die Mädchen und die Mutter arbeiteten fort. Bob erzählte ihnen von der außerordentlichen Freundlichkeit von Scrooge’s Neffen, den er kaum ein einziges Mal gesehen habe. Er habe ihn heute auf der Straße getroffen und als er sah, dass er ein wenig niedergeschlagen aussah, habe er ihn gefragt, was ihn bekümmere. »Worauf,« sagte Bob, »denn er ist der leutseligste junge Herr, den ich nur kenne, ich es ihm erzählte. ›Ich bedaure Sie herzlich, Mr. Cratchit‹, sagte er, ›und auch Ihre gute Frau‹. Übrigens, wie er das wissen kann, möchte ich wissen.« »Was soll er wissen, mein Liebster?« »Nun, dass du eine gute Frau bist,« antwortete Bob. »Jedermann weiß das,« sagte Peter. »Sehr gut bemerkt, mein Junge,« rief Bob. »Ich hoffe, ’s ist so. ›Herzlich bedaure ich‹, sagte er, ›Ihre gute Frau. Wenn ich Ihnen auf irgend eine Weise behilflich sein kann‹, sagte er, indem er mir seine Karte gab, ›das ist meine Wohnung. Kommen Sie nur zu mir‹. Nun,« rief Bob, »ist es nicht gerade um deswillen, dass er etwas für uns tun könnte, sondern mehr wegen seiner herzlichen Weise, dass ich mich darüber so freute. Es schien wirklich, als hätte er unsern Tiny Tim gekannt und fühlte mit uns.« »Er ist gewiss eine gute Seele,« sagte Mrs. Cratchit. »Du würdest das noch sicherer glauben, Liebste,« antwortete Bob, »wenn du ihn sähest und mit ihm sprächest. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er Peter eine bessere Stelle verschaffte. Merkt euch meine Worte.« »Nun höre nur, Peter,« sagte Mrs. Cratchit. »Und dann,« rief eins der Mädchen, »wird sich Peter nach einer Frau umsehen.« »Ach, sei still,« antwortete Peter lachend. »Nun, das kann schon kommen,« sagte Bob, »aber dazu hat er noch Zeit im Überfluss. Aber wie und wenn wir uns auch voneinander trennen sollten, so bin ich doch überzeugt, dass keiner von uns den armen Tiny Tim, oder diese erste Trennung, welche wir erfuhren, vergessen wird.« »Niemals, Vater,« riefen alle. »Und ich weiß,« sagte Bob, »ich weiß, meine Lieben, wenn wir daran denken werden, wie geduldig und wie sanft er war, obgleich er nur ein kleines, kleines Kind war, werden wir nicht so leicht uns zanken und den guten Tiny Tim vergessen, wenn wir’s tun.« »Nein, niemals, Vater,« riefen sie alle. »Ich bin sehr glücklich,« sagte Bob, »sehr glücklich.« Mrs. Cratchit küsste ihn, seine Töchter küssten ihn, die beiden kleinen Cratchits küssten ihn und Peter und er drückten sich die Hand. Seele Tiny Tims, du warst ein Hauch von Gott.

»Geist,« sagte Scrooge, »Etwas sagt mir, dass wir bald scheiden werden. Ich weiß es, aber ich weiß nicht wie. Sage mir, wer es war, den wir auf dem Totenbett sahen.« Der Geist der zukünftigen Weihnachten führte ihn wie früher – obgleich zu verschiedener Zeit, dünkte ihm, überhaupt schien in den verschiedenen letzten Schatten keine Zeitfolge stattzufinden – an die Zusammenkunftsorte der Geschäftsleute, aber er sah sich nicht. Der Geist verweilte nirgends, sondern schwebte immer weiter, hin zu dem Ort, wo Scrooge die gewünschte Lösung des Rätsels finden würde, bis ihn dieser bat, einen Augenblick zu verweilen.

»Ja, dieser Hof,« sagte Scrooge, »durch den wir jetzt eilen, war einst mein Geschäft und war es lange Jahre. Ich sehe das Haus. Lass mich sehen, was ich in den kommenden Tagen sein werde.« Der Geist stand still; die Hand wies wo anders hin. »Das Haus ist dort,« rief Scrooge. »Warum weisest du wo anders hin?« Der unerbittliche Finger nahm keine andere Richtung an. Scrooge eilte zum Fenster seines Büros und schaute hinein. Es war noch ein Büro, aber nicht das seinige. Die Möbel waren nicht dieselben und die Gestalt in dem Stuhl war nicht die seine. Die Gestalt zeigte nach derselben Richtung, wie früher. Er trat wieder zu ihr hin und nachsinnend, warum und wohin sie gingen, begleitete er sie, bis sie eine eiserne Gitterpforte erreichten. Er stand still, um sich vorm Eintreten umzusehen.

Es war ein Kirchhof. Hier also lag der Unglückliche, dessen Namen er noch erfahren sollte, unter der Erde. Der Ort war seiner würdig. Rings von hohen Häusern umgeben; überwuchert von Unkraut, entsprossen dem Tod, nicht dem Leben der Vegetation; vollgepfropft von zu viel Leichen; gesättigt von übersättigtem Genuss. Der Geist stand inmitten der Gräber still und wies auf eins derselben hinab. Scrooge näherte sich ihm zitternd. Die Gestalt war noch ganz so wie früher, aber ihm war es immer, als sähe er eine neue Bedeutung in der düstern Erscheinung. »Ehe ich mich dem Stein nähere, den du mir zeigst,« sagte Scrooge, »beantworte mir eine Frage. Sind dies die Schatten der Dinge, welche sein werden, oder nur von denen, welche sein können?« Immer noch wies der Geist auf das Grab hinab, vor dem sie standen. »Die Wege des Menschen tragen ihr Ziel in sich,« sagte Scrooge. »Aber wenn er einen andern Weg einschlägt, ändert sich das Ziel. Sage, ist es so mit dem, was du mir zeigen wirst?« Der Geist blieb so unbeweglich wie immer. Scrooge näherte sich zitternd dem Grabe und wie er der Richtung des Fingers folgte, las er auf dem Stein seinen eigenen Namen. »Ebenezer Scrooge.« »Bin ich es, der auf jenem Bett lag?« rief er, auf die Knie sinkend. Der Finger wies vom Grabe auf ihn und wieder zurück. »Nein, Geist, o nein!« Der Finger wies immer noch dorthin. »Geist,« rief er, sich fest an sein Gewand klammernd, »ich bin nicht mehr der Mensch, der ich war. Ich will ein anderer Mensch werden, als ich vor diesen Tagen gewesen bin. Warum zeigst du mir dies, wenn alle Hoffnung vorüber ist?« Zum erstenmal schien die Hand zu zittern. »Guter Geist,« fuhr er fort, »dein eigenes Herz bittet für mich und bemitleidet mich. Sage mir, dass ich durch ein verändertes Leben die Schatten, welche du mir gezeigt hast, ändern kann!« Die gütige Hand zitterte. »Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren und versuchen es zu feiern. Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben. Die Geister von allen dreien sollen in mir wirken. Ich will mein Herz nicht ihren Lehren verschließen. O, sage mir, dass ich die Schrift auf diesem Steine weglöschen kann.« In seiner Angst ergriff er die gespenstische Hand. Sie versuchte, sich von ihm loszumachen, aber er war stark in seinem Flehen und hielt sie fest. Der Geist, noch stärker, stieß ihn zurück.

Wie er seine Hände zu einem letzten Flehen um Änderung seines Schicksals in die Höhe hielt, sah er die Gestalt sich verändern. Sie wurde kleiner und kleiner und kleiner und schwand zu einem Bettpfosten zusammen.

Kapitel Fünf

Das Ende

Ja, und es war sein eigener Bettpfosten. Es war sein Bett und sein Zimmer. Und was das Glücklichste und Beste war, die Zukunft war sein zur Besserung.

»Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben,« wiederholte Scrooge, als er aus dem Bett kletterte. »Die Geister von allen dreien sollen in mir wirken. O, Jacob Marley! Der Himmel und die Weihnachtszeit seien dafür gepriesen! Ich sage es auf meinen Knien, alter Jacob, auf meinen Knien.«

Er war von seinen guten Vorsätzen so erregt und außer sich, dass seine bebende Stimme kaum auf seinen Ruf antworten wollte. Er hatte während seines Ringens mit dem Geiste bitterlich geweint und sein Gesicht war noch nass von den Tränen.

»Sie sind nicht herabgerissen,« rief Scrooge, eine der Bettgardinen an die Brust drückend, »sie sind nicht herabgerissen. Sie sind da, ich bin da, die Schatten der Dinge, welche kommen, können vertrieben werden. Ja, ich weiß es gewiss, ich weiß es.« Während dieser ganzen Zeit beschäftigten sich seine Hände mit den Kleidungsstücken: er zog sie verkehrt an, zerriss sie, verlor sie und machte allerhand tolle Sprünge damit. »Ich weiß nicht, was ich tue,« rief Scrooge in einem Atem weinend und lachend und mit seinen Strümpfen einen wahren Laokoon aus sich machend. »Ich bin leicht wie eine Feder, glücklich wie ein Engel, lustig wie ein Schulknabe, schwindlig wie ein Betrunkener. Fröhliche Weihnachten allen Menschen! Ein glückliches Neujahr der ganzen Welt! Hallo! Hussa! Hurra!« Er war in das Wohnzimmer gesprungen und blieb jetzt dort ganz außer Atem stehen. »Da ist die Schüssel, in der die Suppe war!« rief Scrooge, indem er um den Kamin herumsprang. »Da ist die Tür, durch welche Jacob Marley’s Geist hereinkam, da ist die Ecke, wo der Geist der heurigen Weihnachten saß, da ist das Fenster, wo ich die herumirrenden Geister sah! Es ist alles recht, es ist alles wahr, es ist alles geschehen. Hahahaha!« Wirklich für einen Mann, der so lange Jahre aus der Gewohnheit war, war es ein vortreffliches Lachen, ein herrliches Lachen. Der Vater einer langen, langen Reihe herrlicher Gelächter!

»Ich weiß nicht, den Wievieltesten wir heute haben,« rief Scrooge. »Ich weiß nicht, wie lange ich unter den Geistern gewesen bin. Ich weiß gar nichts. Ich bin wie ein neugebornes Kind. Es schadet nichts. Ist mir einerlei. Ich will lieber ein Kind sein. Hallo! Hussa! Hurra!« Er wurde in seinen Freudenausrufungen vom Geläut der Kirchenglocken unterbrochen, die ihm so munter zu klingen schienen, wie nie zuvor. Ding, dong, kling, klang, ding, dong, kling, klang. Ach, herrlich, herrlich! Er lief zum Fenster, öffnete es und steckte den Kopf hinaus. Kein Nebel; ein klarer, luftig heller, kalter Morgen, eine Kälte, die dem Blute einen Tanz vorpfiff; goldenes Sonnenlicht; ein himmlischer Himmel; liebliche, frische Luft, fröhliche Glocken. O, herrlich, herrlich! »Was ist denn heute?« rief Scrooge einem Knaben in Sonntagskleidern zu, der unten stand. »Was?« fragte der Knabe mit der größten Verwunderung. »Was ist heute, mein Junge?« sagte Scrooge. »Heute?« antwortete der Knabe. »Nun, Christtag.« »’s ist Christtag,« sagte Scrooge zu sich selber. »Ich habe ihn nicht versäumt. Die Geister haben alles in einer Nacht getan. Sie können alles, was sie wollen. Natürlich, natürlich. Hallo, mein Junge!« »Hallo!« antwortete der Knabe. »Kennst du den Geflügelhändler in der zweitnächsten Straße an der Ecke?« fragte Scrooge. »Das will ich doch meinen,« antwortete der Junge. »Ein gescheiter Junge!« sagte Scrooge. »Ein bemerkenswerter Junge! Weißt du, ob der Truthahn, der dort hing, verkauft ist? nicht der kleine, der große.« »Was, der so groß ist wie ich?« antwortete der Junge. »Was für ein lieber Junge!« sagte Scrooge. »’s ist eine Freude, mit ihm zu sprechen. Ja, mein Prachtjunge.« »Er hängt noch dort,« antwortete der Junge. »Ist’s wahr?« sagte Scrooge. »Nun, geh los und kauf ihn.« »Is klar!« rief der Junge aus. »Nein, nein,« sagte Scrooge, »’s ist mein Ernst. Geh hin und kauf ihn und sage, sie sollen ihn hierher bringen, dass ich ihnen die Adresse geben kann, wohin sie ihn tragen sollen. Komm mit dem Träger wieder her und ich gebe dir einen Schilling. Komm in weniger als fünf Minuten zurück und du bekommst eine halbe Krone.« Der Bursche verschwand wie ein Blitz. »Ich will ihn Bob Cratchit schicken,« flüsterte Scrooge, sich die Hände reibend und fast vor Lachen platzend. »Er soll nicht wissen, wer ihn schickt. Er ist zweimal so groß wie Tiny Tim. Joe Miller hat niemals einen Witz gemacht, wie den.«

Wie er die Adresse schrieb, zitterte seine Hand, aber er schrieb so gut es gehen wollte, und ging die Treppe hinab, um die Haustür zu öffnen, den Truthahn erwartend. Wie er dastand fiel sein Auge auf den Türklopfer.

»Ich werde ihn lieb haben, so lange ich lebe,« rief Scrooge ihn streichelnd. »Früher habe ich ihn kaum angesehen. Was für ein ehrliches Gesicht er hat! Es ist ein wunderbarer Türklopfer! – Da ist der Truthahn. Hallo! Hussa! Wie geht’s? Fröhliche Weihnachten!« Das war ein Truthahn; er hätte nicht mehr lebendig auf seinen Füßen stehen können. Sie wären – knicks – zerbrochen wie eine Stange Siegellack. »Was, das ist ja fast unmöglich, den nach Camden-Town zu tragen,« sagte Scrooge. »Ihr müsst einen Wagen nehmen.« Das Lachen, mit dem er dies sagte und das Lachen, mit dem er den Truthahn bezahlte, und das Lachen, mit dem er den Wagen bezahlte, und das Lachen, mit dem er dem Jungen ein Trinkgeld gab, wurden nur vom Lachen übertroffen, mit dem er sich atemlos in seinen Stuhl niedersetzte und lachte, bis die Tränen an den Backen hinunter liefen. Das Rasieren war keine Kleinigkeit, denn seine Hand zitterte immer noch sehr; und Rasieren verlangt große Aufmerksamkeit, selbst wenn man nicht gerade währenddessen tanzt. Aber wenn er sich die Nasenspitze weggeschnitten hätte, würde er ein Stückchen englisches Pflaster darauf geklebt haben und zufrieden gewesen sein.

Er zog seine besten Kleider an und trat endlich auf die Straße. Die Leute strömten jetzt gerade aus ihren Häusern, wie er es gesehen hatte, als er den Geist der heurigen Weihnacht begleitete; und mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen durch die Straßen gehend, blickte Scrooge jeden mit einem freundlichen Lächeln an. Er sah so unwiderstehlich freundlich aus, dass drei oder vier lustige Leute zu ihm sagten: »Guten Morgen, Sir, fröhliche Weihnachten!« und Scrooge sagte oft nachher, dass von allen lieblichen Klängen, die er je gehört, dieser seinem Ohr am lieblichsten geklungen hätte.

Er war nicht weit gegangen, als er denselben stattlichen Herrn auf sich zukommen sah, der am Tage vorher in sein Büro getreten war mit den Worten: »Scrooge und Marley, wenn ich nicht irre.« Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er dachte, wie ihn wohl der alte Herr beim Vorübergehen ansehen würde; aber er wußte, welchen Weg er zu gehen hatte, und ging ihn. »Lieber Herr,« sagte Scrooge, schneller gehend und des alten Herrn beide Hände ergreifend, »wie geht’s Ihnen? Ich hoffe, Sie hatten gestern einen guten Tag. Es war sehr freundlich von Ihnen. Ich wünsche Ihnen fröhliche Weihnachten, Sir.« »Mr. Scrooge?« »Ja,« sagte Scrooge. »Das ist mein Name und ich fürchte, er klingt Ihnen nicht sehr angenehm. Erlauben Sie, dass ich Sie um Verzeihung bitte. Und wollen Sie die Güte haben« – hier flüsterte ihm Scrooge etwas in das Ohr. »Himmel!« rief der Herr, als ob ihm der Atem ausgeblieben wäre. »Mein lieber Mr. Scrooge, ist das Ihr Ernst?« »Wenn es Ihnen gefällig ist,« sagte Scrooge. »Keinen Penny weniger. Es sind viele Rückstände dabei, ich versichere es Ihnen. Wollen Sie die Güte haben?« »Bester Herr,« sagte der andere, ihm die Hand schüttelnd, »ich weiß nicht, was ich zu einer solchen großartigen Freigebigkeit sagen soll.« »Ich bitte, sagen Sie gar nichts dazu,« antwortete Scrooge. »Besuchen Sie mich. Wollen Sie mich besuchen?« »Herzlich gern,« rief der alte Herr. Und man sah, es war ihm mit der Versicherung Ernst. »Ich danke Ihnen,« sagte Scrooge. »Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich danke Ihnen tausendmal. Leben Sie recht wohl!«

Er ging in die Kirche, ging durch die Straßen, sah die Leute hin und her laufen, klopfte Kindern die Wange, fragte Bettler, und sah hinab in die Küchen und hinauf zu den Fenstern der Häuser; und fand, dass alles das ihm Vergnügen machen könne. Er hatte sich nie geträumt, dass ein Spaziergang oder sonst etwas ihn so glücklich hätte machen können. Nachmittags lenkte er seine Schritte nach seines Neffen Wohnung. Er ging wohl ein dutzendmal an der Tür vorüber, ehe er den Mut hatte, anzuklopfen. Endlich fasste er sich ein Herz und klopfte. »Ist dein Herr zu Hause, meine Liebe?« sagte Scrooge zu dem Mädchen. »Ein hübsches Mädchen, wahrhaftig!« »Ja, Sir.« »Wo ist er, meine Liebe?« sagte Scrooge. »Er ist in dem Speisezimmer, Sir, mit der Madame. Ich will Sie hinaufführen, wenn Sie erlauben.« »Danke, danke. Er kennt mich,« sagte Scrooge, mit der Hand schon auf dem Türdrücker. »Ich will hier hereintreten, meine Liebe.« Er machte die Tür leise auf und steckte den Kopf hinein. Sie betrachteten den Speisetisch (der mit großem Aufwand von Pracht gedeckt war); denn solche junge Leute sind immer sehr unruhig über solche Punkte und sähen gern alles in Ordnung. »Fred!« sagte Scrooge. Heiliger Himmel! Wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in dem Augenblicke vergessen, dass sie mit dem Fußbänkchen in der Ecke gesessen hatte, sonst hätte er es um keinen Preis getan. »Potztausend!« rief Fred, »wer ist das!« »Ich bin’s, dein Onkel Scrooge. Ich komme zum Essen. Willst du mich hereinlassen, Fred?« Lasst ihn rein! Es war nur gut, dass er ihm nicht den Arm abriss. Er war in fünf Minuten wie zu Hause. Nichts konnte herzlicher sein, als die Begrüßung seines Neffen. Und auch seine Nichte empfing ihn ganz so herzlich. Auch Topper, wie er kam. Auch die dicke Schwester, wie sie kam. Und alle, wie sie nach der Reihe kamen. Wundervolle Gesellschaft, wundervolle Spiele, wundervolle Eintracht, wundervolle Glückseligkeit!

Aber am andern Morgen war er früh in seinem Büro. O, er war gar früh da. Wenn er nur dort hätte zuerst sein können und Bob Cratchit beim Zuspätkommen erwischen! Das war’s, worauf sein Sinn stand! Und es gelang ihm wahrhaftig! Die Uhr schlug Neun. Kein Bob. Ein Viertel auf Zehn. Kein Bob. Er kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu spät. Scrooge hatte seine Tür weit offen stehen lassen, damit er ihn in das Verließ kommen sähe. Sein Hut war vom Kopfe, ehe er die Tür öffnete, auch der Schal von seinem Halse. In einem Nu saß er auf seinem Stuhle und jagte mit der Feder übers Papier, als wollte er versuchen, neun Uhr einzuholen. »Heda,« brummte Scrooge, so gut wie es ging, seine gewohnte Stimme nachmachend. »Was soll das heißen, dass Sie so spät kommen?« »Es tut mir sehr leid, Sir,« sagte Bob. »Ich habe mich verspätet.« »Nun, Sie gestehen’s,« wiederholte Scrooge. »Ich meine es auch. Hier herein, wenn’s gefällig ist.« »Es ist nur einmal im Jahre, Sir,« sagte Bob, aus dem Verließ hereintretend. »Es soll nicht wieder vorfallen. Ich war ein bisschen lustig gestern, Sir.« »Nun, ich will Ihnen was sagen, Freundchen,« sagte Scrooge, »ich kann das nicht länger so mit ansehen. Und daher,« fuhr er fort, von seinem Stuhl springend und Bob einen solchen Stoß vor die Brust gebend, dass er wieder in das Verließ zurückstolperte, »und daher will ich Ihr Gehalt erhöhen!« Bob zitterte und trat dem Lineal etwas näher. Er hatte einen augenblicklichen Gedanken, Scrooge eins damit auf den Kopf zu geben, ihn fest zu halten und die Leute im Hofe um Hilfe und eine Zwangsjacke anzurufen. »Fröhliche Weihnachten, Bob!« sagte Scrooge, mit einem Ernst, der nicht missverstanden werden konnte, indem er ihn auf die Achsel klopfte. »Fröhlichere Weihnachten, Bob, als ich Sie so manches Jahr habe feiern lassen. Ich will Ihr Gehalt erhöhen und mich bemühen, Ihrer Familie unter die Arme zu greifen. Wir wollen heut Nachmittag bei einer Weihnachtsbowle dampfenden Punsches über Ihre Angelegenheiten sprechen, Bob! Schüren Sie das Feuer an und kaufen Sie eine andere Kohlenschaufel, ehe Sie wieder einen Punkt auf ein i machen, Bob Cratchit!«

Scrooge war besser als sein Wort. Er tat alles und mehr noch, als er versprochen hatte; und für Tiny Tim, welcher nicht starb, wurde er ein zweiter Vater. Er wurde ein so guter Freund und so guter Mensch, wie nur die liebe alte Stadt oder jede andere liebe alte Stadt oder Dorf in der lieben alten Welt je gesehen. Einige Leute lachten, ihn so verändert zu sehen, aber er ließ sie lachen und kümmerte sich wenig darum, denn er war klug genug, zu wissen, dass nichts Gutes in dieser Welt geschehen kann, worüber nicht von vornherein einige Leute lachen müssen; und da er wußte, dass derart Leute doch blind bleiben würden, dachte er bei sich, es ist besser, sie legen ihre Gesichter durch Lachen in Falten, als dass sie’s auf weniger anziehende Weise tun. Sein eigenes Herz lachte und damit war er zufrieden.

Er hatte keinen ferneren Verkehr mit Geistern, sondern lebte von jetzt an nach dem Prinzip gänzlicher Enthaltsamkeit; und immer sagte man von ihm, er wisse Weihnachten recht zu feiern, wenn es überhaupt ein Mensch wisse. Möge dies auch in Wahrheit von uns allen gesagt werden können! Und so schließen wir mit Tiny Tims Worten: Gott segne uns alle und jeden!