Der Blaue Vogel

Georgette Leblanc & Maurice Maeterlinck

Inhaltsangabe

Kapitel 8 Der Wald

Sobald Tyltyl und Mytyl im Bett lagen, küsste Licht sie und verschwand sogleich, um ihren Schlaf nicht mit den Strahlen zu stören, die von ihrem wunderschönen Ich ausgingen.

Es muss gegen Mitternacht gewesen sein, als Tyltyl, der von den kleinen Blauen Kindern träumte, eine weiche Samtpfote über seinem Gesicht hin und her streichen spürte. Er erschrak und setzte sich im Bett auf, wurde aber bald beruhigt, als er die leuchtenden Augen seiner Freundin Tylette in der Dunkelheit funkeln sah.

»Pst!«, flüsterte die Katze in sein Ohr. »Pst! Weck niemanden auf. Wenn wir es schaffen, uns ungesehen hinauszuschleichen, werden wir heute Nacht den Blauen Vogel fangen. Ich habe mein Leben riskiert, um einen Plan auszuarbeiten, der uns sicher zum Sieg führen wird!«

»Aber«, sagte der Junge und küsste Tylette, »Licht wäre so froh, uns zu helfen, und außerdem würde ich mich schämen, ihr nicht zu gehorchen.«

»Wenn du es ihr sagst«, sagte die Katze scharf, »dann ist alles verloren, glaub mir. Tu, was ich sage, und der Tag ist unser.«

Während sie diese Worte sprach, beeilte sie sich, ihn und auch Mytyl, die ein Geräusch gehört hatte und darum bat mit ihnen zu gehen, anzuziehen.

»Du verstehst nicht«, stöhnte Tyltyl. »Du bist zu klein. Du weißt nicht, was für eine böse Sache wir tun.«

Aber die verräterische Katze entgegnete all seinen Argumenten und sagte, dass der Grund, warum er den Blauen Vogel bis jetzt nicht gefunden habe, nur Lichts Schuld sei, die immer Helligkeit mit sich bringe. Die Kinder sollten nur allein im Dunkeln auf die Jagd gehen, dann würden sie bald alle Blauen Vögel finden, die das Glück der Menschen ausmachen. Die Verräterin war so gerissen, dass Tyltyls Ungehorsam in seinen eigenen Augen bald zu einer sehr schönen Sache wurde. Jedes von Tylettes Worten lieferte eine gute Entschuldigung für sein Handeln oder schmückte es mit einem großzügigen Gedanken aus. Er war zu schwach, um sich der List zu widersetzen, ließ sich überreden und verließ mit festem und fröhlichem Schritt den Tempel. Armer kleiner Kerl: Wenn er nur die schreckliche Falle hätte voraussehen können, die ihn erwartete!

Unsere drei Gefährten machten sich im weißen Licht des Mondes auf den Weg über die Felder. Die Katze schien sehr aufgeregt zu sein, redete ununterbrochen und ging so schnell, dass die Kinder kaum mit ihr Schritt halten konnten:

»Diesmal«, erklärte sie, »werden wir den Blauen Vogel finden, da bin ich mir sicher! Ich habe alle Bäume im ältesten Wald gefragt; sie kennen ihn, denn er versteckt sich unter ihnen. Und damit alle da sind, habe ich das Kaninchen geschickt, um die Versammlung einzuberufen und die wichtigsten Tiere des Landes zusammentrommeln.«

Nach einer Stunde erreichten sie den Rand des dunklen Waldes. Dann, an einer Wegbiegung, sahen sie in der Ferne jemanden, der ihnen entgegen zu eilen schien. Tylette wölbte ihren Rücken. Sie spürte, dass es ihr alter Feind war. Sie zitterte vor Wut. Wollte er wieder einmal ihre Pläne durchkreuzen? Hatte er ihr Geheimnis erraten? War er gekommen, um im letzten Moment das Leben der Kinder zu retten?

Sie beugte sich zu Tyltyl hinüber und flüsterte ihm mit ihrer honigsüßen Stimme ins Ohr:

»Es tut mir leid zu sagen, dass es unser ehrenwerter Freund, der Hund, ist. Das ist sehr schade, denn durch seine Anwesenheit werden wir unser Ziel verfehlen. Er hat zu allen ein schlechtes Verhältnis, sogar zu den Bäumen. Sag ihm, er soll zurückgehen!«

»Verschwinde, du hässliches Ding!«, sagte Tyltyl und schüttelte dem Hund die Faust entgegen.

Der gute alte, treue Tylô, der gekommen war, weil er die Pläne der Katze ahnte, war durch diese harten Worte sehr verletzt. Er war den Tränen nahe, noch ganz außer Atem vom Laufen und wusste nicht, was er sagen sollte.

»Geh weg, sage ich dir!«, sagte Tyltyl erneut. »Wir wollen dich hier nicht haben, und damit ist Schluss. Du bist eine Plage!«

Der Hund war ein gehorsames Tier, und zu jeder anderen Zeit wäre er gegangen; aber seine Zuneigung verriet ihm, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handelte, und er blieb regungslos stehen.

»Erlaubst du diesen Ungehorsam?«, sagte die Katze flüsternd zu Tyltyl. »Schlag ihn mit deinem Stock.«

Tyltyl schlug den Hund, wie es die Katze vorgeschlagen hatte:

»So, das wird dich lehren, gehorsamer zu sein«, sagte er.

Der arme Hund heulte, als er die Schläge erhielt, aber seine Selbstaufopferung kannte keine Grenzen. Er ging beherzt auf seinen jungen Herrn zu, nahm ihn in die Arme und rief:

»Ich muss dich küssen, nachdem du mich geschlagen hast!«

Tyltyl, der ein gutherziger kleiner Kerl war, wusste nicht, was er tun sollte, und die Katze fluchte zwischen ihren Zähnen wie ein wildes Tier. Zum Glück mischte sich die liebe kleine Mytyl für unseren Freund ein:

»Nein, nein, ich will, dass er bleibt«, flehte sie. »Ich habe Angst, wenn Tylô nicht bei uns ist.«

Die Zeit drängte und sie mussten eine Entscheidung treffen.

»Ich werde einen anderen Weg finden, diesen Idioten loszuwerden«, dachte die Katze. Und sich and den Hund wendend, sagte sie in ihrer liebenswürdigsten Art: »Wir würden uns sehr freuen, wenn du dich uns anschließen würdest!«

Als sie den großen Wald betraten, blieben die Kinder dicht beieinander, die Katze und der Hund zu beiden Seiten. Die Stille und die Dunkelheit machten ihnen Angst, und sie fühlten sich sehr erleichtert, als die Katze ausrief:

»Da sind wir! Dreh den Diamanten!«

Dann breitete sich das Licht um sie herum aus und zeigte ihnen einen wunderbaren Anblick. Sie standen mitten auf einer großen, runden Lichtung im Herzen des Waldes, wo all die alten Bäume bis in den Himmel zu reichen schienen. Breite Alleen bildeten einen weißen Stern inmitten des dunklen Grüns des Waldes. Alles war friedlich und still; doch plötzlich wehte ein seltsames Schaudern durch das Laubwerk; die Äste bewegten sich und streckten sich wie menschliche Arme; die Wurzeln hoben die Erde, die sie bedeckte, und nahmen die Form von Beinen und Füßen an und stellten sich auf den Boden; ein gewaltiges Krachen schallte durch die Luft; die Stämme der Bäume brachen auf und jeder von ihnen ließ seine Seele heraus, die wie eine lustige Menschengestalt wirkte.

Einige stiegen langsam aus ihren Stämmen, andere kamen mit einem Sprung heraus, und alle versammelten sich neugierig um unsere Freunde.

Die geschwätzige Pappel begann zu schäckern wie eine Elster:

»Kleine Menschen! Wir werden mit ihnen reden können! Wir haben genug vom Schweigen! Woher kommen sie? Wer sind sie?«

Und so plapperte sie weiter.

Der Lindenbaum, der ein lustiger, dicker Kerl war, kam ruhig heran und rauchte seine Pfeife; der eingebildete und herausgeputzte Kastanienbaum schraubte sein Glas in sein Auge, um die Kinder anzustarren. Er trug einen Mantel aus grüner Seide, der mit rosa und weißen Blumen bestickt war. Er fand, dass die Kleinen zu arm aussahen und wandte sich spöttisch ab.

»Er denkt er sei etwas Besonderes, seit er in der Stadt wohnt! Er verachtet uns«, spottete die Pappel, die eifersüchtig auf ihn war.

»Oh je, oh je«, weinte die Weide, ein erbärmlicher, kleiner, verkrüppelter Kerl, der in einem Paar Holzschuhen, die ihm zu groß waren, dahergeklappert kam. »Sie sind gekommen, um mir Kopf und Arme abzuschlagen und als Brennholz zu verwenden!«

Tyltyl konnte seinen Augen nicht trauen. Er hörte nicht auf, der Katze Fragen zu stellen:

»Wer ist das? Und wer ist das?«

Und Tylette stellte ihm die Seele eines jeden Baumes vor.

Da war die Ulme, eine Art kurzatmiger, dicklicher, griesgrämiger Gnom; die Buche, eine elegante, aufgeweckte Person; die Birke, die mit ihren weißen, wallenden Gewändern und ihren unruhigen Gesten wie die Geister im Palast der Nacht aussah. Die größte Gestalt war die Tanne: Tyltyl hatte Mühe, sein Gesicht zu erkennen, das ganz oben auf seinem langen, dünnen Körper thronte; aber er sah sanft und traurig aus, während die Zypresse, die ganz in Schwarz gekleidet neben ihm stand, Tyltyl furchtbare Angst einjagte.

Doch bis jetzt war noch nichts Schreckliches passiert. Die Bäume, die sich freuten, dass sie sprechen konnten, plauderten miteinander, und unser junger Freund wollte sie gerade fragen, wo der Blaue Vogel versteckt war, als plötzlich Stille herrschte. Die Bäume verbeugten sich respektvoll und traten zur Seite, um einem sehr alten Baum Platz zu machen, der ein langes, mit Moos und Flechten besticktes Gewand trug. Er stützte sich mit einer Hand auf einen Stock und mit der anderen auf einen jungen Eichensprössling, der ihm als Führer diente, denn die alte Eiche war blind. Sein langer weißer Bart wehte im Wind.

»Es ist der König«, sagte Tyltyl zu sich selbst, als er seine Mistelkrone sah. »Ich werde ihn nach dem Geheimnis des Waldes fragen.«

Und er wollte gerade auf ihn zugehen, als er vor Überraschung und Freude innehielt: Da saß der Blaue Vogel vor ihm, auf der Schulter der alten Eiche.

»Er hat den Blauen Vogel!«, rief der Junge freudig. »Schnell! Schnell! Gib ihn mir!«

»Schweig! Hüte deine Zunge!«, mahnten die Bäume.

»Nimm deinen Hut ab, Tyltyl«, sagte die Katze. »Es ist die Eiche!«

Das arme Kind gehorchte sofort; er begriff nicht, welche Gefahr ihm drohte, und zögerte nicht, mit »Ja« zu antworten, als die Eiche ihn fragte, ob er der Sohn des Holzfällers Tyl, sei.

Da begann die Eiche, zitternd vor Wut, eine schreckliche Anklage gegen Papa Tyl zu erheben:

»Allein in meiner Familie«, sagte er, »hat dein Vater sechshundert meiner Söhne, vierhundertfünfundsiebzig Onkel und Tanten, zwölfhundert Vettern beiderlei Geschlechts, dreihundertachtzig Schwiegertöchter und zwölftausend Urenkel umgebracht!«

Zweifellos übertrieb er in seinem Zorn ein wenig, aber Tyltyl hörte ohne Protest zu und sagte sehr höflich:

»Ich bitte um Verzeihung, dass ich Sie gestört habe. Die Katze sagte, dass Sie uns sagen würden, wo der Blaue Vogel ist.«

Die Eiche war zu alt, um nicht alles über Menschen und Tiere zu wissen. Er lächelte in seinen Bart, als er die von der Katze gestellte Falle erriet, und er war sehr froh darüber, denn er hatte sich schon lange gewünscht, den ganzen Wald für die Sklaverei zu rächen, in die der Mensch ihn unterworfen hatte.

»Es ist für das kleine Mädchen der Fee Bérylune, das sehr krank ist«, fuhr der Junge fort.

»Genug!«, sagte die Eiche und brachte ihn zum Schweigen. »Ich höre die Tiere nicht. Wo sind sie? All dies betrifft sie genauso wie uns. Wir, die Bäume, dürfen nicht allein die Verantwortung für die schwerwiegenden Maßnahmen übernehmen, die notwendig geworden sind.«

»Da kommen sie!« sagte der Tannenbaum und schaute über die Wipfel der anderen Bäume hinweg. »Sie folgen dem Kaninchen. Ich kann die Seelen des Pferdes, des Stiers, des Ochsen, der Kuh, des Wolfs, des Schafs, des Schweins, der Ziege und des Bären sehen.«

Alle Tiere kamen nun an. Sie liefen auf ihren Hinterbeinen und waren wie Menschen gekleidet. Sie stellten sich feierlich in einem Kreis zwischen den Bäumen auf, alle außer der albernen Ziege, die anfing, die Alleen hinunter zu hüpfen, und dem Schwein, das hoffte, unter den Wurzeln, die gerade den Boden verlassen hatten, einige prächtige Trüffel zu finden.

»Sind alle anwesend?«, fragte die Eiche.

»Die Henne konnte ihre Eier nicht verlassen«, sagte das Kaninchen, »der Hase war unterwegs, der Hirsch hat Schmerzen in den Hörnern und Hühneraugen, der Fuchs ist krank – hier ist das Attest des Arztes –, die Gans hat es nicht verstanden und der Truthahn hat sich in Rage geflattert.«

»Schau!«, flüsterte Tyltyl Mytyl zu. »Sind sie nicht lustig? Sie sind genau wie die schönen Spielsachen der reichen Kinder in den Fenster an Weihnachten.«

Besonders das Kaninchen brachte sie zum Lachen, mit seinem Hut über den großen Ohren, seinem blauen, bestickten Mantel und seiner Trommel, die es vor sich hertrug.

Währenddessen erklärte die Eiche seinen Brüdern, den Bäumen und den Tieren, die Situation. Die verräterische Tylette hatte ganz recht damit gehabt, auf ihren Hass zu setzten.

»Das Kind, das ihr vor euch seht«, sagte die Eiche, »ist dank eines Talismans, der den Mächten der Erde gestohlen wurde, in der Lage, sich unseres Blauen Vogels zu bemächtigen und uns so das Geheimnis zu entreißen, das wir seit dem Ursprung des Lebens gehütet haben. Nun wissen wir genug über den Menschen, um keinen Zweifel an dem Schicksal zu hegen, das er für uns bereithält, sobald er im Besitz dieses Geheimnisses ist. Jedes Zögern wäre sowohl töricht als auch verbrecherisch. Es ist ein entscheidender Moment; das Kind muss beseitigt werden, bevor es zu spät ist.«

»Was sagt er?«, fragte Tyltyl, der nicht erkennen konnte, worauf der alte Baum hinauswollte.

Der Hund schlich um die Eiche herum und zeigte nun seine Reißzähne:

»Siehst du meine Zähne, du altes Gestrüpp?«, knurrte er.

»Er beleidigt die Eiche«, sagte die Buche entrüstet.

»Vertreibt ihn!«, rief die Eiche wütend. »Er ist ein Verräter!«

»Was habe ich dir gesagt?«, flüsterte die Katze Tyltyl zu. »Ich werde alles regeln. Aber schick ihn weg.«

»Hau ab!«, sagte Tyltyl zum Hund.

»Lass mich doch die Moospantoffeln des gichtigen alten Burschen pflegen!«, flehte Tylô.

Tyltyl versuchte vergeblich, ihn daran zu hindern. Die Wut von Tylô, der die Gefahr erkannt hatte, kannte keine Grenzen, und es wäre ihm gelungen, seinen Herrn zu retten, wenn die Katze nicht auf die Idee gekommen wäre, den Efeu herbeizurufen, der bis dahin auf Abstand geblieben war. Der Hund tänzelte wie ein Verrückter herum und beschimpfte jeden einzelnen. Er schimpfte auf das Efeu:

»Komm schon, wenn du dich traust, du altes Knäuel, du!«

Die Zuschauer knurrten; die Eiche war blass vor Wut, weil sie ihre Autorität missachtet sah; die Bäume und die Tiere waren entrüstet, aber da sie Feiglinge waren, wagte keiner von ihnen zu protestieren; und der Hund hätte sie alle erledigt, wenn er mit seiner Rebellion fortgefahren wäre. Aber Tyltyl drohte ihm mit aller Härte, und Tylô, der plötzlich seinen unterwürfigen Instinkten nachgab, legte sich seinem Herrn zu Füßen. So kommt es, dass unsere besten Tugenden als Fehler behandelt werden, wenn wir sie ohne Unterscheidung ausüben.

Von diesem Augenblick an waren die Kinder verloren. Der Efeu knebelte und fesselte den armen Hund, der dann hinter den Kastanienbaum gebracht und an seine größte Wurzel gebunden wurde.

»Nun«, rief die Eiche mit donnernder Stimme, »können wir uns in Ruhe beraten. Dies ist das erste Mal, dass es uns gegeben ist, über den Menschen zu richten! Ich glaube nicht, dass nach der ungeheuren Ungerechtigkeit, die wir uns widerfahren ist, auch nur der geringste Zweifel an dem Urteil bestehen kann, das ihn erwartet.«

Ein Schrei ertönte aus allen Kehlen:

»Tod! Tod! Tod!«

Die armen Kinder verstanden ihr Unglück zunächst nicht, denn die Bäume und die Tiere, die daran gewöhnt waren, ihre eigene Sprache zu sprechen, sprachen nicht sehr deutlich; und außerdem konnten sich die unschuldigen Kinder eine solche Grausamkeit nicht vorstellen!

»Was ist mit ihnen los?«, fragte der Junge. »Sind sie unzufrieden?«

»Mach dir keine Sorgen«, sagte die Katze. »Sie sind ein wenig verärgert, weil der Frühling sich verspätet.«

Und sie redete weiter in Tyltyls Ohr, um seine Aufmerksamkeit von dem abzulenken, was gerade geschah.

Während der vertrauensselige Junge ihren Flunkereien lauschte, diskutierten die anderen darüber, welche Form der Hinrichtung am praktischsten und am wenigsten gefährlich wäre. Der Stier schlug einen kräftigen Stoß mit den Hörnern vor; die Buche bot ihren höchsten Ast an, um die kleinen Kinder daran aufzuhängen; und der Efeu bereitete bereits eine Schlinge vor! Die Tanne war bereit, vier Bretter für den Sarg zur Verfügung zu stellen, und die Zypresse gewährte eine ewige Grabstätte.

»Am einfachsten«, flüsterte die Weide, »wäre es, sie in einem meiner Flüsse zu ertränken.«

Und das Schwein grunzte zwischen seinen Zähnen:

»Meiner Meinung nach wäre es das Beste, das kleine Mädchen zu essen. Sie dürfte schön zart sein.«

»Ruhe!«, brüllte die Eiche. »Wir müssen entscheiden, wem von uns die Ehre zuteil wird, den ersten Schlag auszuführen!«

»Diese Ehre gebührt dir, unser König!«, sagte die Tanne.

»Leider bin ich zu alt!«, antwortete die Eiche. »Ich bin blind und gebrechlich! Dir, mein immergrüner Bruder, gebührt die Ehre, an meiner Stelle den entscheidenden Schlag zu führen, der uns befreien wird.«

Aber die Tanne lehnte die Ehre unter dem Vorwand ab, dass er bereits das Vergnügen hatte, die beiden Opfer zu begraben, und dass er fürchtete, Eifersucht zu wecken. Er schlug die Buche vor, da sie die beste Keule besitze.

»Ausgeschlossen«, sagte die Buche. »Du weißt, dass ich wurmstichig bin! Frag die Ulme und die Zypresse.«

Daraufhin begann die Ulme zu stöhnen und zu ächzen: ein Maulwurf hatte ihr in der Nacht zuvor den großen Zeh verdreht, und sie konnte kaum aufrecht stehen; und die Zypresse entschuldigte sich ebenso wie die Pappel, die erklärte, sie sei krank und zittere vor Fieber. Da entbrannte die Empörung der Eiche:

»Ihr habt Angst vor dem Menschen!«, rief er aus. »Selbst diese ungeschützten und unbewaffneten kleinen Kinder jagen euch Angst ein! Nun, dann werde ich mich selbst darum kümmern, alt und zittrig und blind wie ich bin, gegen den Erbfeind! Wo ist er?«

Und er tastete sich mit seinem Stock vor und ging knurrend auf Tyltyl zu.

Unser armer kleiner Freund hatte in den letzten Minuten große Angst gehabt. Die Katze hatte ihn plötzlich verlassen und gesagt, sie wolle die Aufregung besänftigen, und war nicht zurückgekommen. Mytyl schmiegte sich zitternd an ihn, und er fühlte sich sehr einsam und sehr unglücklich unter diesen furchtbaren Leuten, über deren Zorn er sich allmählich bewusst wurde. Als er die Eiche mit drohender Miene auf sich zukommen sah, zog er sein Taschenmesser und trotzte ihm wie ein Mann:

»Ist er hinter mir her, der Alte mit seinem großen Stock?«, rief er.

Aber beim Anblick des Messers, der unaufhaltsamen Waffe des Menschen, erschraken alle Bäume und stürzten sich auf die Eiche, um sie zurückzuhalten. Es kam zu einem Kampf, und der alte König, von der Last der Jahre überwältigt, warf seinen Stock weg:

»Schande über uns!«, rief er. »Schande über uns! Mögen die Tiere uns erlösen!«

Darauf hatten die Tiere nur gewartet! Alle wollten sich gemeinsam rächen. Glücklicherweise verursachte ihr Eifer ein Gerangel, das den Mord an den lieben Kleinen verzögerte.

Mytyl stieß einen durchdringenden Schrei aus.

»Hab keine Angst«, sagte Tyltyl und tat sein Bestes, um sie zu schützen. »Ich habe mein Messer.«

»Der kleine Kerl ist entschlossen, tapfer zu sterben!«, sagte der Hahn.

»Die werde ich zuerst fressen«, sagte das Schwein und beäugte Mytyl gierig.

»Was habe ich euch denn getan?«, fragte Tyltyl.

»Überhaupt nichts, mein kleiner Mann«, sagte das Schaf.

»Meinen kleinen Bruder gegessen, meine zwei Schwestern, meine drei Onkel, meine Tante, meinen Großvater und meine Großmutter. Warte nur: wenn du erst unten bist, wirst du sehen, dass auch ich Zähne habe.«

Und so warteten das Schaf und das Pferd, die die größten Feiglinge waren, bis der kleine Kerl niedergeschlagen war, bevor sie es wagten, ihren Anteil an der Beute zu nehmen.

Während sie noch redeten, griffen der Wolf und der Bär Tyltyl heimtückisch von hinten an und stießen ihn um. Es war ein schrecklicher Moment. Alle Tiere, die ihn am Boden liegen sahen, versuchten, sich an ihm zu vergreifen. Der Junge hob sich auf ein Knie und schwang sein Messer. Mytyl stieß Schreie der Verzweiflung aus, und zu allem Überfluss wurde es plötzlich dunkel.

Tyltyl rief wie wild um Hilfe:

»Hilfe! Hilfe! Tylô! Tylô! Zur Rettung! Wo ist Tylette? Komm! Komm!«

Die Stimme der Katze war in der Ferne zu hören, wo sie sich geschickt außer Sichtweite hielt:

»Ich kann nicht kommen!«, jammerte sie. »Ich bin verwundet!«

Die ganze Zeit über wehrte sich der tapfere kleine Tyltyl, so gut er konnte, aber er war allein gegen alle, spürte, dass er getötet werden würde, und rief mit stockender Stimme noch einmal:

»Hilfe! Tylô! Tylô! Ich kann nicht mehr! Es sind zu viele! Der Bär! Das Schwein! Der Wolf! Der Tannenbaum! Die Buche! Tylô! Tylô! Tylô!«

Da kam der Hund angesprungen, zerrte an seinen zerrissenen Fesseln und bahnte sich seinen Weg durch die Bäume und Tiere und warf sich vor seinen Herrn, den er wutentbrannt verteidigte:

»Hier, mein kleiner Gott! Hab keine Angst! Ich schnapp sie mir! Ich weiß, wie ich meine Zähne einsetzen kann!«

Alle Bäume und Tiere erhoben einen lauten Aufschrei:

»Abtrünniger! Idiot! Verräter! Verbrecher! Dummkopf! Kriecher! Lass ihn! Er ist ein toter Mann! Komm zu uns!«

Der Hund kämpfte weiter:

»Niemals! Niemals! Ich allein gegen euch alle! Niemals! Niemals! Den Göttern treu, dem Besten, dem Größten! Pass auf, mein kleiner Herr, hier ist der Bär! Nimm dich in Acht vor dem Stier!«

Tyltyl versuchte vergeblich, sich zu wehren:

»Ich bin am Ende, Tylô! Es war ein Schlag von der Ulme! Meine Hand blutet!« Und er sank zu Boden. »Nein, ich kann nicht länger durchhalten!«

»Sie kommen!«, sagte der Hund. »Ich höre jemanden! Wir sind gerettet! Es ist Licht! Gerettet! Gerettet! Siehst du, sie haben Angst, sie ziehen sich zurück! Gerettet, mein kleiner König!«

Und tatsächlich, Licht kam auf sie zu, und mit ihm stieg die Morgenröte über den Wald, der hell wie der Tag wurde.

»Was ist los? Was ist passiert?«, fragte sie, ganz erschrocken über den Anblick der Kleinen und ihres lieben Tylô, der mit Wunden und blauen Flecken bedeckt war. »Mein armer Junge, wusstest du das nicht? Dreh den Diamanten, schnell!«

Tyltyl beeilte sich zu gehorchen, und sofort stürzten die Seelen aller Bäume zurück in ihre Stämme, die sie umgaben. Auch die Seelen der Tiere verschwanden, und nichts war mehr zu sehen als eine Kuh und ein Schaf, die friedlich in der Ferne grasten. Der Wald wurde wieder harmlos, und Tyltyl sah sich erstaunt um:

»Schon gut«, sagte er, »aber der Hund … und wenn ich mein Messer nicht gehabt hätte!«

Licht fand, dass er schon genug gestraft war und schimpfte nicht mit ihm. Außerdem war sie sehr bestürzt über die schreckliche Gefahr, in die er sich begeben hatte.

Tyltyl, Mytyl und der Hund, die froh waren, sich wohlbehalten wiederzusehen, tauschten wilde Küsse aus. Sie zählten lachend ihre Wunden, die nicht sehr ernst waren.

Tylette war die Einzige, die sich aufregte:

»Der Hund hat mir die Pfote gebrochen!«, miaute sie.

Tylô fühlte sich, als könnte er sie in einem Bissen verschlingen:

»Halb so wild!«, sagte er.

»Lass sie in Ruhe, du hässliche Bestie!«, sagte Mytyl.

Unsere Freunde kehrten zum Tempel des Lichts zurück, um sich von ihrem Abenteuer zu erholen. Tyltyl bereute seinen Ungehorsam und wagte nicht einmal, den Blauen Vogel zu erwähnen, den er gesehen hatte, und Licht sagte sanft zu den Kindern

»Das soll euch lehren, meine Lieben, dass der Mensch in dieser Welt ganz allein gegen alle ist. Vergesst das nie.«